Kultur : Im Sorgenmantel

Uraufführung am Deutschen Theater Berlin: Yasmina Rezas „Schopenhauer“

Andreas Schäfer

Thomas Bernhard war ein großer Autor. Ebenfalls groß ist der Schaden, der Bernhards Übertreibungs- und Zuspitzungskunst bei einigen seiner nachgeborenen Kollegen angerichtet hat. Mit Bernhard im rhetorischen Gepäck lässt sich’s gut mogeln, also wenig Gehalt auf viele Sätze verteilen, die an ihrem langen Ende konsequent auf die Pointe zulaufen. Bei minimalem Aufwand führt das zu einer skurrilen Weltverzerrung plus unausweichlicher Figurenohnmacht, was einen großen Lacheffekt zur Folge hat. Haben kann.

Ganze literarische Karrieren haben sich diesem Taschenspielertrick zu verdanken, was man immerhin von Yasmina Reza, der weltweit am meisten gespielten Theaterautorin, nicht behaupten kann. Als Reza vor einigen Jahren entzückt ihren Bernhard entdeckte, lief „Kunst“, ihr bekanntestes Stück, schon überall, legendär an der Berliner Schaubühne. Seitdem macht Reza aber aus ihrer Bernhard-Verehrung keinen Hehl, was man besonders ihren Prosabüchern wie „Eine Verzweiflung“ oder „Adam Harenberg“ anmerkt, in denen sich bürgerliche Männer fortgeschrittenen Alters wortreich aufregen.

Schuld sind bei Rezas Figuren, ähnlich wie bei Bernhard, mit Vorliebe die anderen. Diese Blindheit sich selbst gegenüber macht sie zu komischen Käuzen, leider auch etwas trostlos und klein. Schneller als in Rezas neuem Text mit dem kapriziösen Titel „Im Schlitten Arthur Schopenhauers“, mit dem die Kammerspiele des noch im Umbau befindlichen Deutschen Theaters Berlin die Saison eröffnen, wurde selten eine Figur vorgeführt. Wie ein hübscher Schmetterling wird diese Nadine Chipman von der Autorin gleich mit dem ersten Satz durchbohrt und an das Korkbrett der Klischees gepinnt. Rubrik: Französin Mitte Vierzig, verheiratet (unglücklich natürlich) hysterisch (was auch sonst?).

Die Bühne von Johannes Schütz ist ein leerer grauer Raum, vorn ein zerschlissenes Ledersofa, hinten ein simpler Stuhl. Corinna Harfouch trippelt auf hohen Pumps mit Bleistiftabsätzen herein, setzt sich, springt sofort wieder auf, zündet sich mit zitternden Händen eine Zigarette an: „Mein Mann hatte die Angewohnheit, Apfelsinen mit den Händen zu pellen, bei bestimmten Apfelsinen ist das noch vorstellbar, wenn die Schale dick ist und sich leicht ablöst, wenn die Schale dagegen dünn ist und an den Spalten haftet, wie das bei den meisten Apfelsinen der Fall ist, jedenfalls bei den saftigeren, also den besseren, und ich persönlich bemühe mich immer, diese Sorte Apfelsinen zu kaufen, dann ist es abwegig ...“

Die Ehemannbeschimpfung geht noch lange punktlos weiter, es werden auch noch viele Zigaretten zwischen zittrigen Fingern gehalten. Derweil steht Ernst Stötzner als Hausfreund Serge Othon Weil in einem schicken himmelblauen Jäckchen daneben, lauscht betreten Nadines Suada, guckt hin und wieder existentialistisch in eine Tüte Orangen und beschränkt sich ansonsten auf die Tätigkeit, die Reza jeder ihrer vier Figuren wechselweise zugewiesen hat. Vielsagend schweigen. Das ist nämlich Rezas zweiter Trick. Bei leichtem Pointenparlando Tiefe und Subtext suggerieren. Nichts simuliert ja mehr Bedeutung und Raumraunen als die Anwesenheit eines Schweigers.

Philosophie! Globalisierung! Zeit! Fortschritt! Holocaust! Liebe! Was da angeblich alles mitschwingen soll, während von Orangen, Sonnenbrillen und neuen Autos die Rede ist. Ganz im Hindergrund, weder sicht- noch hör-, aber stark spürbar, steht übrigens Jürgen Gosch, der Regisseur dieser Uraufführung, und hebt abwehrend die Hände, als wollte er sagen: Ich habe den Text nicht berührt.

Das stimmt. Bis auf eine zweite Tüte, in der statt Orangen Weintrauben stecken, hält sich Gosch mit Regie auffallend zurück. Im Zentrum des Stücks, das aus einem siebzigseitigen Miniroman destilliert wurde, steht Ariel Chipman, ein Universitätsdozent und Spinoza-Experte, der den Glauben an die Philosophie längst verloren hat und inzwischen im Morgenmantel lebt. Sein Problem ist, dass er kein wirkliches Problem hat. Sein Drama besteht darin, dass er zwar Geistarbeiter ist, aber den Zugang zum Geistigen und zum Sinn nie gefunden hat. Und anders als Serge kann er sich nicht den Freuden des Materiellen hingeben. Es bleibt also nur Selbstmitleid und Weltekel. Auf dem Höhepunkt des ehelichen Konflikts, der seine Wehleidigkeit ausgelöst hat, will er am Silvesterabend zu Hause bleiben, um zu weinen, und wird darauf hin von seiner Frau mit einer philosophischen Zeitschrift geschlagen.

Satte Kulturmenschen, die doll daherreden und heillos im Gespinst niederer Emotionen verstrickt bleiben – das ist alles. Da verlässt sich Yasmina Reza entschieden zu sehr auf Wiedererkennung und Identifikationswillen der gebildeten Stände. Die Schauspieler nehmen’s sportlich: Corinna Harfouchs Nadine erregt sich sehr und balanciert zwei Stunden lang am Rande des Nervenzusammenbruchs. Nur als sie von ihrer alten Mutter spricht, wird sie für eine Minute still. Ulrich Matthes als Ariel (nach dem „Untergang“ im Kino und „Virginia Woolf“ am DT zum dritten Mal mit Harfouch verheiratet) wird von der ungestillten Sinn-Sehnsucht im Sessel schier hin- und hergeschleudert und aus dem Polster gehoben.

Großartig Ernst Stötzner, der Serge als kraftvollen Globalisierungsbuddhisten zwischen Überheblichkeit und leisem Zweifel gibt. Um das Geheimnisvolle abzurunden, hat die Autorin als vierte Person eine Psychiaterin (Gabriele Heinz) dazugesellt, die hin und wieder mitfühlend guckt, während die anderen sich durch ihre Privathöllen monologisieren. Doch der Geist findet nicht aus der Flasche.

Wieder am 3., 6. und 22. 9.

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