Kultur : Im Souterrain ist die Hölle los

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Von Thomas Schaefer

Schlagartig berühmt und berüchtigt wurde Will Self, als er vor zehn Jahren in England mit seiner Erzählungssammlung „Die Quantitätstheorie des Irrsinns“ debütierte. Das Image des Martin Amis zufolge „erregend herzlosen“, aber auch „beängstigend gescheiten“ bad guy bestätigte der 1961 geborene Self in den nachfolgenden Werken, etwa in dem mit Bret Easton Ellis „American Psycho“ verglichenen Skandalroman „Spaß“ sowie „Die schöne Welt der Affen“.

Exzentrische Ingredienzien zeichnen auch Selfs neuen Roman „Wie Tote leben“ (How The Dead Live) aus, der auf der Erzählung „Nordlondoner Totenbuch“ aus dem hierzulande erst 1999 erschienenen Debütband basiert. Drogenkonsum, Sex, Krankheit, Tod sind erneut Selfs Leitmotive.

Die Grundidee ist bestechend: Das Leben nach dem Tod unterscheidet sich nur unwesentlich von dem davor. Diese überraschende Erfahrung macht die Mittsechzigerin Lily Bloom, nachdem sie von einem langen, entsetzlichen Krebsleiden erlöst wird - und mit ihr die Leserschaft, denn die erbarmungslos-exakte Schilderung der Agonie als „intensives Endspiel“ ist so atemberaubend wie unerträglich zu lesen.

Die Befreiung von Schmerz, Angst und Ekel ist die erste Empfindung der Verstorbenen, sie wird rasch abgelöst vom Staunen über die Umgebung, in der sich die Neutote wiederfindet. Keine ewigen Jagdgründe, kein Nirwana, kein Dantesches Inferno, kein Elysium: lediglich ein banaler Umzug innerhalb ihres Wohnortes London markiert den Übergang. Die Mittelschichtstoten „leben“ im tristen Londoner Distrikt Dulston, Lily bezieht eine feuchte Souterrainwohnung, muss sich einen Job suchen, Einkäufe erledigen und sich mit der „Todokratie“, einer sehr irdisch anmutenden Jenseits-Verwaltung herumschlagen.

Ein Embryo trällert Popsongs

Nicht anders als das Leben hat der Tod „seine guten Seiten wie seine schlechten. Zu den guten gehört, dass man Zeit hat, einfach herumzusitzen und zu glotzen.“ Auch dass man unentwegt rauchen kann, ohne der eigenen Gesundheit zu schaden, hat etwas für sich. Von Nachteil ist für Lily allerdings der Verlust sexueller Freuden. Und es kommt noch schlimmer: Nicht nur, dass sie nun wieder mit all ihren einst mühsam abgehungerten Fettpfunden leben muss, zu allem Überfluss sind „ein Lithopädion, ein kleines, totes, versteinertes Baby“ sowie ein mit neun Jahren durch ihre Fahrlässigkeit ums Leben gekommener Sohn ihre Begleiter. Der Embryo quält sie, indem er permanent Popsongs der frühen siebziger Jahre trällert, der verunfallte Sohn nervt durch Renitenz.

Will Self geht es dabei nicht um Skurrilitäten.I Im Zentrum seines Romans steht wie in seinen vorherigen Büchern eine gallige Kritik an der britischen Gesellschaft. Lily ist eine grenzenlos zynische alte Frau, die Self zum Sprachrohr seiner pointiert formulierten Sozialkritik macht: „So viele Leute zu verhöhnen – und so wenig Zeit.“ Lily blickt auf ein verpfuschtes Leben aus „nichts als Verbitterung“ zurück, und ein Großteil des Romans nehmen ihre Erinnerungen an den „dunklen Dschungel meines unsteten Lebens“, an zwei kaputte Ehen und ihre beiden auf sehr unterschiedliche Weise missratenen Töchter ein: Charlotte ist die langweilige Ehefrau eines mittelständischen Karrieristen geworden, Natasha eine lebensunfähige Drogenabhängige.

Die Anteilnahme am Schicksal ihrer Töchter lässt sie nicht los. Und so ist es nicht nur die nie ermüdende Sehnsucht nach Sex, die Lily schließlich bewegt, bei der Todesverwaltung einen Antrag auf Wiedergeburt zu stellen, dem mit den verblüffendsten Konsequenzen stattgegeben wird. Schockierende bis spaßige Einfälle und eine metaphernreiche Sprache zeichnen Will Selfs Roman aus. Dass er nicht ganz die Qualität seiner Vorgänger erreicht, liegt vor allem an Vorhersehbarkeit (und Redundanz) der Handlung. Soviel Neues erleben auch Tote nicht.

Will Self: Wie Tote leben. Roman. Aus dem Englischen von Klaus Berr. Luchterhand Literaturverlag, München 2002. 448 Seiten, 24,50 €.

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