Kultur : Im Spiegel der Geschichte

Michael Frayns Kindheits- und Kriegsthriller „Spionagespiel“, sein Willy-Brandt-Drama „Demokratie“ – und eine Begegnung mit dem englischen Autor

Peter von Becker

„Oh, yes!“ Auch nach einem halben Jahrhundert erinnert sich der britische Romancier und Dramatiker Michael Frayn noch an seinen journalistischen Anfang: an seine allererste Reportage für den „Manchester Guardian“. Es war der Bericht über eine Rettungstruppe, die darauf spezialisiert war, verirrte, verborgene, verschüttete Menschen aus Erdlöchern und Höhlen zu bergen. Offenbar gab es eine Menge unterirdischer Gänge und Gelasse in der Gegend von Manchester, 1957, als der „Guardian“ noch seinen alten Namen trug und die Zeitung noch nicht nach London gezogen war. Damals, als der 24-jährige Frayn, Philosophie-Absolvent in Cambridge, beschlossen hatte, kein akademischer Wissenschaftler zu werden.

Erdhöhlen? Die arglos gestellte Frage nach dem Anfang trifft zu Frayns eigener Überraschung. Er hatte bei seinem neuen Buch „Spionagespiel“ hieran nicht bewusst gedacht. Doch in dem Roman, den er morgen auf der Leipziger Buchmesse und am Freitag in Berlin vorstellt und der nach Elke Heidenreichs jüngstem Fernseh-Lob bei uns nun auf dem Weg zum Bestseller ist, im „Spionagespiel“ also geht es am Ende auch um einen verwilderten Mann in einem englischen Erdloch. Mitten im Zweiten Weltkrieg. Und kürzlich wurde noch ein anderer, einst großer und gefürchteter Mensch in einem Erdloch aufgetan.

Michael Frayns „Spionagespiel“ (Originaltitel „Spies“) ist ein subtiler Thriller. Um Krieg und Kindheit, Verdacht und Wahn, um Engländer und Deutsche. Wer dort am Ende in der Höhle hockt, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Es ist nicht Hitler (und auch kein Doppelgänger). Trotzdem sind die Schatten und die Bomben des Hitlerreichs in diesem zwischen Wirklichkeit und Täuschung changierenden „Spionagespiel“ immer gegenwärtig. Aber auch die überraschende Assoziation zu Saddams Fall ist nicht nur unterirdisch oder gar abwegig. Denn Michael Frayns Roman, in dem Kriegskinder im Spiel zu Spionen werden, erzählt davon, wie aus einem Gewebe des Verdachts und des Geheimnisses sich ein Glaube entspinnt, der zum vermeintlichen Wissen wird und überall Beweise wittert.

„Man glaubt, weil man es glauben will – wie Tony Blair vor dem Irakkrieg bei den angeblichen Massenvernichtungswaffen“, sagt Frayn, den wir zu Beginn seiner einwöchigen Deutschland-Lesetournee in Düsseldorf treffen – und der sein vor zwei Jahren in England erschienenes Buch natürlich lange vor der aktuellen Affaire geschrieben hat. Auch vor seinem aufsehenerregenden jüngsten Theaterstück „Democracy“: dem letztes Jahr in London uraufgeführten Drama über Willy Brandts Kanzlersturz und den (Spionage-)Fall Guilleaume. Auf die Politik und die Politiker kommen wir gleich noch.

Tatsächlich ist das „Spionagespiel“ eine Kindheitserinnerung, eine Kinder-Imagination. Nach 60 Jahren kehrt der Erzähler Stephen in die englische Vorort- und Kleinstadtsiedlung zurück, wo er als Zehn- oder Zwölfjähriger in den Gärten der meist heruntergekommenen Middle Class-Häuser und auf verwilderten Trümmergrundstücken spielt, mit den Nachbarkindern und Schulkameraden, mit den ersten, pubertär unheimlichen Mädchen. Als ihm sein engster, gleichwohl nie ganz geheurer Freund Keith irgendwann unterm Siegel einer blutigen Todesdrohung verrät, „Meine Mutter ist eine deutsche Spionin“, da beginnt die kindliche Gegenspionage. Der Kalender von Keiths Mutter, in dem die Neumonde mit einem Zeichen ihrer Periode markiert sind, wird so zum Geheimcode, jedes Gespräch, jeder sonderbare, bisweilen von Ausflüchten begleitete Ausgang zum Geheimvorgang. Der Krieg, verhehlte oder unbegriffene Liebe, eine Ahnung von Fremden, die „Juhn“ heißen und womöglich (was ist das?) Juden sind, die ganze scheinidyllische, von Linden und betörend riechendem Liguster durchzogene Erwachsenenwelt gerät in den Kinderaugen zu einem gefahrvollen Dickicht, ein Nachbar erscheint als Mörder, und unter dem vertrauten Boden lauern Abgründe, mysteriöse Schächte, Gräben, Höhlen.

Michael Frayn, 1933 in einem Londoner Vorort als Kaufmannssohn geboren, ist in einer ähnlichen Welt der Kriegserfahrung und des Kriegsspiels aufgewachsen wie jener Stephen in der Straße namens „Close“. Das ist eine von mehreren wortspielerischen Doppeldeutigkeiten des Romans, der im Wechsel zwischen der Realität der Einbildungen und den Einbildungen der Realität auch virtuos immer wieder die Perspektiven wechselt: Mal spricht die Erinnerung des alten Mannes, mal das unmittelbare, von gespannter Wachheit wie von tagträumerischer Unwissenheit geprägte Erleben des Kindes. So ist das „Spionagespiel“ auch ein Spiel der Zeiten, Alter, Wahrnehmungen – insoweit erinnernd an Ian McEwans etwas früheren Roman „Abbitte“. Vor allem aber lässt sich Frayns Erzählstrategie als eine im Sujet des Geheimen und Kindlich-Erwachsenen kalkuliert angelegte Unschärferelation bezeichnen. Ein Begriff Werner Heisenbergs aus der Quantenphysik.

Diesen Heisenberg, der für Hitler die Atombombe nicht rechtzeitig erfinden wollte oder konnte, hatte Frayn 1998 zur Schlüsselfigur seines Theaterwelterfolgs „Kopenhagen“ gemacht. Auch ein Weltkriegs- und Wissenschaftsspionagestück. Und das präzis’ Oszillierende, das in Worten, Motiven oder Sprüngen zwischen Komödie und Tragödie schillernd Mehrdeutige ist es, was den 70-jährigen Frayn beim Schreiben immer wieder reizt. Bei Willy Brands Kanzlersturz im Umfeld der Enttarnung Günter Guilleaumes sieht er nach umfänglichem Studium von Biographien, Berichten, Prozess- und Politakten gleichfalls dieses Gemisch aus historischen Fakten und psychologischen Rätseln – selbst der Spion Guilleaume zeigt in seiner doppelten Loyalität (zum verehrten Brandt und der verstrickenden DDR) keine exakten Relationen.

Allerdings gibt „Demokratie“, das am 6. Mai, dem 30. Jahrestag des Brandt-Rücktritts, im Berliner Renaissance-Theater seine deutsche Premiere hat, poetisch weniger zu denken als Frayns fiktional freiere Werke. Dafür markiert das politisch-dokumentarische Drama den thematischen Gipfel einer langen Neigung für deutsche Stoffe, Geschichte, Kultur. Zwar kann er besser Russisch – das hat er im Kalten Krieg bei der Armee gelernt. Und Frayns früher literarischer Ruhm rührt von seinen Übersetzungen Anton Tschechows her, aus dessen Erstlingsstück (meist „Platonow“ genannt) er seinen in vielen Ländern gespielten „Wilden Honig“ gemacht hat.

Deutsch lernte Frayn in der Schule, vergaß es wieder, kam dann jedoch Anfang der Siebziger jahre nach West-Berlin, verliebte sich in diesen „in der Wüste gestrandeten Luxusliner“, knüpfte viele deutsche Kontakte, auch Freundschaften – und drehte dann für die BBC den ersten langen Fernsehfilm über beide Hälften der Stadt: verwundert vor allem über den Osten, der ihm „dank des Konservativismus des Kommunismus“ ein sonst kaum mehr auffindbares „Restdeutschland der Weimarer Republik und des Dritten Reiches wie von Zauberhand, wie in einem riesigen grauen Themenpark“ vor Augen führte. Zur gleichen Zeit, 1972, begann ihn Willy Brandt zu faszinieren, ihn, den Engländer, dessen Landsleute sich sonst nur im Zusammenhang mit der Nazizeit für deutsche Figuren interessierten. Leibhaftig erlebt hat er Brandt freilich nur ein Mal in London, „aus der Ferne bei einem offiziellen Dinner“.

Michael Frayn ist selbst Sozialdemokrat, Labour-Wähler – und kein Monarchist. Nicht nur deswegen hat er vor einiger Zeit, genau wie seine Frau, die mit Preisen geehrte Journalistin und Autorin kulturgeschichtlicher Biographien Claire Tomalin, den Order of the British Empire abgelehnt: „Ich habe mir auch als Michael Frayn einen gewissen Namen gemacht, da brauche ich keinen Sir oder Lord davor.“ Als ich ihm von einer ähnlich auszeichnungsabstinenten Tradition bei den Hamburger Hansestädtern erzähle, lacht der hagere, salopp uneitle Brite, der zwar Deutsch liest, sonst aber lieber Englisch spricht, und er variiert Kennedy: „Ich bin ein Hamburger!“

Er ist zudem ein Anhänger Tony Blairs. Trotz des Irakkrieges. „Dass Bush bei seinen Auftritten lügt, wenn er nur ,Hello’ sagt, sieht man als erfahrener Theaterautor sofort.“ Bei Blair aber und der Frage der irakischen Massenvernichtungswaffen nimmt Frayn an, „dass er daran glaubte, weil er es glauben wollte. Blair ist ein völlig ziviler Mensch, keiner, der zur Kompensation irgendwelcher Komplexe den Kriegshelden spielen muss“. Also findet das politische Spiel mit den Geheimdiensten ein Spiegelbild im kindlichen „Spionagespiel“. In der Kraft und im Verhängnis innerer Suggestionen.

Der polnische Literaturwissenschaftler Jan Kott hat Shakespeares „Hamlet“ einmal einen „Schwamm“ genannt, der auch alle spätere, heutige Zeitgeschichte mit aufsaugt. Das ist ein Merkmal jedes vieldeutig „offenen Kunstwerks“ (Umberto Eco). Man sieht es jetzt wieder: Wie fabelhaft das feine Gewebe des kleinen, großen Kinder-Romans noch eine ganz andere Wirklichkeit einfängt. Und dies wird man vielleicht auch im Kino sehen. Soeben hat Frayn das Drehbuch zu „Spies“ beendet: Die verdächtige Freundesmutter wird Kristin Scott Thomas spielen, Regie führt Rebecca Frayn. Des Dichters Tochter.

Im Leipziger Haus des Buchs liest Ulrich Mühe morgen aus Michael Frayns „Spionagespiel“ (deutsch von Matthias Fienbork, Carl Hanser Verlag, München 2004, 223 S., 19,90 €). Am Freitagabend stellt Frayn das Buch im British Council in Berlin vor (Tel. 311099-0).

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