Kultur : Im Spiegel der Wirklichkeit

Verjüngt bestätigt die 34. Art Basel ihren Ruf als international wichtigste Kunstmesse

Katrin Wittneven

Schwer schlagen die Geschosse ein, Maschinengewehrsalven ertönen, Kinderschreie. Dann Stille. Bis ins Mark dringen die Geräusche, die aus einer schwarzen Lautsprecherwand tönen. Erst der Blick auf das Schildchen schafft Erleichterung: Santiago Sierra hat nur ein Silvesterfeuerwerk auf einem mexikanischen Marktplatz aufgenommen. Dennoch wirkt die kalte Hand, die uns der lateinamerikanische Shootingstar unvermittelt auf die Schulter legt, noch lange nach – wie so oft bei seinen bis an die Grenze der Menschenverachtung gehenden Aktionen. Nur ein paar Schritte weiter erheitert eher ein grellbuntes Riesengemälde des thailändischen Künstlers Navin Rawanchaikul. Er hat Porträts von Protagonisten der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts vereint: von Claude Monet bis Cindy Sherman, von Eva und Adele bis Gilbert & George. Und so schließen sich auf der Art Basel die kleinen Kreise: Das als „living sculpture“ auftretende provokante englische Künstlerduo, von dem gleich gegenüber auch eine große Wandarbeit hängt, ist Ehrengast am heutigen Sonnabend auf der weltweit wichtigsten Messe für Kunst des 20. Jahrhunderts.

Die Art Basel bedeutet viel mehr als das glückliche Aufeinandertreffen von Händlern und Sammlern, von Angebot und Nachfrage. Neben den teils museumsreifen überbordenden Präsentationen der 270 führenden Galerien aus allen Kontinenten liegt noch der in diesem Jahr hervorragend bestückte, besonders eindrucksvolle Sonderbereich „Art Unlimited“, in dem die Händler auf 12 000 Quadratmetern große Skulpturen, Installationen und Videopräsentationen zeigen. Im Obergeschoss stehen unter dem Titel „Art Statements“ siebzehn ausgewählte Einzelpräsentationen für Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst. Mehr noch als jede andere Kunstmesse ist die 1970 gegründete Art auch eine einzigartige Börse für Informationen geworden, ein Marktplatz für erstklassige Kunst auf jeder Ebene.

Verkauft wird natürlich auch, und in Basel einmal mehr besonders gut: Die Berliner Galerie Brusberg veräußerte unter anderem etwa zwei zarte Werke von Max Ernst aus dem Haus Eluard. Der mit Arbeiten von Mike Kelley angereiste Amerikaner Patrick Painter konnte am zweiten Tag komplett umhängen. Und auch der auf Werke der klassischen Moderne spezialisierte amerikanische Händler Robert Landau berichtet, schon der erste Messetag sei für ihn besser gelaufen als die bisher beste Art Basel insgesamt. Auch zu seinen Verkäufen zählt ein Max Ernst: das fantastische Gemälde „La Famille“ aus dem Jahr 1926. Die roten Feuerwesen auf hellblauem Grund werden zukünftig eine europäische Privatsammlung zieren. Mehr ist der charmante Händler nicht bereit zu offenbaren: „We don’t discuss money.“

Es ist auffällig, dass die Galeristen mehr noch als in der Vergangenheit Preise und Käufer diskret verschweigen. Ohne Frage erreicht das Gemälde von Max Ernst aber Millionenhöhen, ebenso wie die spiegelnde Großskulptur von Jeff Koons, die der Berliner Galerist Max Hetzler verkaufen konnte (Tagesspiegel vom 20. Juni). Trotz dieser herzschlagerhöhenden Summen bemühen sich die Veranstalter der Art auch um Sammler mit kleinerem Geldbeutel. Eine Umfrage hat ergeben, dass 27 Prozent der in Basel ausgestellten Kunstwerke unter 5000 Euro kosten, gelbe Aufkleber machen in diesem Jahr speziell darauf aufmerksam.

Zeichnungen von Jonathan Meese bei der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts sind so gekennzeichnet – und selbstredend bereits verkauft – ebenso wie Fotografien von dem Afrikaner Santu Mofokeng, eine der Entdeckungen auf der letzten Documenta bei der Berliner Galerie carlier gebauer. Die Nachwirkungen der Kasseler Großausstellung, aber auch der just eröffneten Biennale in Venedig haben unübersehbar den internationalen Kunsthandel erreicht – der in diesem Fall oft als Gewinner aus dem Rennen geht. Schon bei den zahlreichen Gemälden von Martin Kippenberger – ein jedes ist mit mehr Humor und Biss gesegnet als der diesjährige deutsche Pavillon. Der in den neunziger Jahren begonnene Verjüngungsprozess der Art Basel, das zeigt diese Entwicklung, hat sich bewährt. Er ist auch eine Investition in die Zukunft der Messe, schließlich werden die qualitativ hochrangigen Arbeiten der Klassischen Moderne immer rarer.

Die Kehrseite dieser damit einhergehenden Beschleunigung von Künstlerkarrieren zeigt sich allein im Bereich der Statements: Noch nie haben Galeristen und Künstler in diesem Sektor mit so starkem Geschütz um die Aufmerksamkeit gekämpft – es blinkt und glitzert, es scheppert und rauscht nur so um die Wette. Es ist erfreulich, dass auf diesem psychedelischen Jahrmarkt zwei zurückhaltende Positionen ausgezeichnet wurden: die Installation eines irritierenden Türenkorridors von der Polin Monika Sosnowska und zwei leise und angenehm seltsame Videos von der Holländerin Saskia Olde Wolbers.

Trotz vieler spektakulärer Werke sind es dann auch die feinen, kleinen Arbeiten, die auf der Art Basel immer wieder begeistern, ganz unabhängig von ihrem Wert: bei Johnen/Schöttle (München) etwa das Video des Albaners Anri Sala, das einen Mann zeigt, der die Geräusche einer Cruise Missile imitiert (28 000 Euro), ein Zollstockhäuschen von Hans-Peter Feldmann bei Chouakri Brahms aus Berlin (12 500 Euro) oder Tafelbilder von Daniel Buren aus den Sechzigern (70 000 bis 300 000 Euro) bei der Buchmann Galerie (Köln/Lugano), die in wunderbarer Weise gleichermaßen Endprodukt wie Anfang sind. Ebenso wie die Art Basel in jedem Jahr.

Art Basel, Messehallen, bis 23. Juni. Weitere Informationen unter www.ArtBasel.com .

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