Kultur : Im Spiegel von Mister Grease

GEORG SEESSLEN

Vor nicht allzu langer Zeit waren uns die siebziger Jahre mit ihrer Disco-Kultur, dem lustvollen overdressing und dem Siegeszug jener plastic people, vor denen uns die Hippies immer gewarnt haben, seltsamer und fremder als das Mittelalter.Und John Travolta, die große weiße Hoffnung des Samstagnachtfiebers, verdankte sein Comeback einem scheinbar radikalen Rollenwechsel: Aus dem einstigen Star der Tanzbühne in Filmen wie "Saturday Night Fever" und "Grease" war der supercoole Killer in Quentin Tarantinos "Pulp Fiction" geworden.Er tanzt immer noch, wie es ein anderer Gangster-Darsteller und Travoltas erklärtes Vorbild tat: James Cagney.

Umwerfend war es, zu sehen, wie der einstige Held einer angeblich so angepaßten Generation, der Lieblingsfeind der Punks und Posthippies, seinen weißen Dreiteiler mit dem schwarzen Outfit des halb smarten, halb weggetretenen Heavy vertauschte und in den Action-Filmen von John Woo zum dramatischen, oder in Barry Sonnenfelds "Get Shorty" zum komischen Schurken wurde.Aber aus der Metamorphose des tanzenden und grinsenden Underdogs zum tanzenden und grinsenden Gangster trat dann doch wieder der gute alte John Travolta hervor.

Nun, in "Primary Colors", spielt er den Clintonischen Präsidenten, als hätte er es nie auf etwas anderes abgesehen als dies: der weiße Straßenjunge, der seine Sozialisation in den Gangs der siebziger Jahre erlebt hatte, mit Ups und Downs,, endet als höchster Repräsentant einer Gesellschaft, die sich nicht mehr aus den Gründungsmythen des Western , sondern aus dem Geist des Pop versteht.Aus den Tricks der Inszenierung und des Selbstdesign.Damals war man kein Star, man war ein Superstar, man war seine eigene Inszenierung.

Angefangen hat alles mit einer paradigmatischen TV-Serie jener Jahre: "Welcome Back Kotter" spielte an einer New Yorker Highschool, und John Travolta stellte einen leader of the pack dar, hinter dessen unverschämtem Mundwerk ein liebenswerter Kerl steckte, der sogar das Mauerblümchen der Klasse ausführte, um ihr ein bißchen Glück und Anerkennung zu verschaffen.Der Kinofilm "Saturday Night Fever" war dann die Apotheose dieses freundlichen Prolo-Helden.Tagsüber schuftet er in einem Farbenladen, und am Wochenende verwandelt er sich in den Disco-Tänzer mit der erotischen und sauberen Einmann-Schau.In "Grease" ging der Held zurück zu den Wurzeln seiner Kultur, zurück in die fünfziger Jahre, wo die Welt der Kids aus Tanzwettbewerben, Autorennen und mehr oder weniger jungfräulichen Liebesgeschichten bestand.Als "Grease" 1989, zehn Jahre nach seiner Uraufführung, noch einmal in die Kinos kam, war er ein totaler Flop: dieser Kitsch, diese Musik, diese Farben und - mein Gott! - dieser Schwiegermutterschwarm, dem schon anzusehen war, daß er nicht rauchte und nicht trank.Jetzt, noch einmal zehn Jahre später,spielt die Wiederaufführung binnen kurzer Zeit 30 Millionen Dollar ein! Das hat nicht allein mit dem Comeback des Schauspielers John Travolta zu tun.Dieser Film wirkt mit einemmal wieder vollkommen echt.

In Wahrheit steckte in "Grease" rudimentär schon vieles von dem, was die Jugendkultur der Neunziger ausmacht: der Beginn von girl power und die Wandlung der Jungs von Macho-Bildern in romantische Angebote, wie sie nun die Boygroups und Leonardo DiCaprio zelebrieren, das Weißmachen von schwarzer Kultur und Musik, oder die Selbst-Identifikation über die Medien: Statt sich in einem Straßen-Mythos à la James Dean aufzureiben, entschließen sich Held und Heldin, als Tänzer durch das Fernsehen groß rauszukommen.

Natürlich ist die Wiederbegegnung mit "Grease" so sehr von postmoderner Ironie geprägt wie das deutsche Schlager-Revival.Man sieht den alten Travolta mit Augen, die den neuen, den coolen Gangster und Schurken gesehen und bewundert haben, so wie man Travolta/Clinton mit den Augen von Menschen sieht, die an "Politik" nicht mehr wirklich glauben.Es ist Revival und Revision zugleich.Und für Olivia Newton-John, die die letzten Jahrzehnte mit der Produktion esoterisch angehauchter Schlager verbrachte, reicht es auch nur zu einem höchst bescheidenen Karriere-Schub.

In den achtziger Jahren schien Travolta allenfalls Relikt einer vergangenen Epoche.Als "Urban Cowboy" konnte er für die Country-Kneipen nicht tun, was er für die Diskotheken in der Stadt getan hatte.In der Fortsetzung zu "Saturday Night Fever", "Staying Alive", verpaßte ihm der Regisseur Sylvester Stallone eine Muskelpackung, die Travoltas rattenhaften Charme und die unschuldige Laszivität seines Tanzes zerstörte.Wer um Himmels willen wollte John Travolta schwitzen sehen? Er paßte nicht zum maschinellen Körperbild dieser Jahre, nicht in die Welt der Stallones und Schwarzeneggers.Seine wirklich guten Filme mit Brian de Palma oder sogar Robert Altman als Regisseure gingen sang- und klanglos unter.Ein halbes Comeback erlebte er erst in den familientauglichen Komödien der "Kuck mal, wer da spricht"-Serie: als leicht verfetteter Kleinbürger im privaten Glück.Und Travolta schien auch nicht bereit, seine Figur dramatisch zu vertiefen.Die Drehbücher zu "American Gigolo" und "Ein Offizier und Gentleman" lehnte er als "unter meiner Würde" ab.Von sich reden machte er allenfalls als einer der Hollywood-Promis, die mit Scientology in Verbindung standen.Der unerhebliche Fantasy-Film "Phenomenon" wurde schließlich als eine Art Propaganda-Werk angesehen; mehr konnte einem dazu auch nicht einfallen.Und war Travolta, mittlerweile glücklicher Familienvater, nicht schwul? Jedenfalls war seine Männlichkeit nicht so eindeutig, wie sie es sich für die Stars der achtziger Jahre gehörte, und zugleich schien er zu bieder für ein provokantes Gender-Spiel.

Wohl nicht zufällig fällt Travoltas Wiederaufstieg mit dem Niedergang der Muskelprotze und Kampfmaschinen zusammen, denen man vieles nachsagen konnte, nur eines nicht: daß sie cool waren.Sie hatten den Männerkörper hysterisiert und darüber das Tanzen verlernt.Keiner von ihnen konnte so über eine Straße gehen wie Travolta, zu einer Musik, die nur er zu hören schien.Keiner von ihnen konnte es sich leisten, auf so elegante Art nicht ganz da zu sein.Daß Travolta erst einmal als "Böser" wiedergeboren wurde, erinnerte zuerst daran, daß dieses Männerkörperbild, die Bewegung statt des Monuments, marginalisiert worden war, daß es gefährlich für den Mainstream sein konnte.Die moralische Ambivalenz war sogar das Thema von John Woos "Face/Off": der Gute verwandelt sich in den Bösen und umgekehrt.Und die Ambivalenz gehört zu seinen Rollen in den erfolgreicheren seiner nun wieder zahlreichen Filmen der letzten Jahre: Es ist etwas Seltsames und Ungeklärtes um diesen Typ aus den siebziger Jahren.Es ist etwas Seltsames und Ungeklärtes um diese Zeit, aus der ein paar unserer Träume und Alpträume stammen.

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