Kultur : Im Spinnhaus

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SCHREIBWAREN

Steffen Richter über schlafende Waschbären und belesene Frösche

Kaum kommt das neue Jahr auf Touren, geschehen seltsame Dinge. Da richtete das Brecht-Haus in der vergangenen Woche eine postume Geburtstagsfeier für Heiner Müller aus – und schon rannte man in der Chausseestraße die Türen ein. Selbst die Veranstalter waren überrascht. Schließlich war der Meister seit seinem Tod von deutschen Bühnen fast verschwunden. Wunderlich geht es weiter.

Bei Kerstin Hensel verirrt sich ein Bär im Waschkeller eines Spinnhauses und legt sich für sieben Wochen zum Winterschlaf nieder. Das Spinnhaus steht bei Neuwelt im Erzgebirge. Dort sind Weihnachtspyramiden, Räuchermännchen und Geklöppeltes zu Hause. Man frönt der putzigen Gewohnheit der Namens-Inversion und nennt Trulla Uhlig nur „die Uhlig-Trulla“. Die ist im Jahr 1900 geboren. Das ganze Säkulum rauscht an ihr vorbei. Der Erste Weltkrieg bricht aus, der Zweite auch. Der Sozialismus hat seinen Auftritt. Mit sechzig wird Trulla schwanger. Und das bleibt sie bis heute.

Es ist ein Heimatroman der anderen Art, den Kerstin Hensel geschrieben hat. Wenn das kleine Leben mit der großen Geschichte kollidiert, wird es selten heimelig. Dafür aber umso unheimlicher. Mit „Im Spinnhaus“ (Luchterhand) trifft Hensel am 13.1. im Brecht-Haus (20 Uhr) auf Sabine Peters , die ihren Roman „Abschiede“ (Wallstein) vorstellt. Hier ist es der Tod des Vaters, der Verwirrung auslöst. „Doktor Phil“ war nicht eben ein sympathischer Mensch. Seine Töchter ruft er Eins, Zwei, Drei und Vier. Dennoch bleiben angesichts des Sterbens zwiespältige Gefühle. Selbst ein veritabler „Krieg“ mit den Töchtern hat die emotionale Bindung nicht gekappt. Wie ihrer Generationsgenossin Hensel geht es Peters um grundsätzliche Erfahrungen. Trauer um Verluste machen vor keinem Halt. Subtil spricht Peters von dem, was sprachlos macht: dem Tod.

Ohnehin kann man Familiengeschichten immer erzählen – wenn sie nur unglücklich sind. Vermutlich kennt Sabine Peters Tolstois Roman „Anna Karenina“. Der hebt mit den Sätzen an: „Alle glücklichen Familien gleichen einander. Nur die unglücklichen sind jeweils auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Wer Tolstoi mit Sicherheit gelesen hat, ist Haruki Murakamis Frosch. Ja, der Frosch! Nietzsche und Conrad kennt er auch. Und er sitzt eines Tages in Katagiris Wohnung und hat Tee gekocht. Er ist über zwei Meter groß und will Tokio vor einem Erdbeben retten. In drei Tagen, morgens um halb neun, soll es sich ereignen. Züge werden entgleisen, U-Bahnhöfe einstürzen und ein Tanklastwagen wird explodieren. 150000 Tote soll es geben. Sagt der Frosch. Schuld daran ist Wurm. Der wirkt unterirdisch, seine Motivlage ist unklar.

Murakamis Erzählungen aus „Nach dem Beben“ (Dumont) sind um das Erdbeben gruppiert, das im Februar 1995 die japanische Stadt Kobe heimsuchte. Doch es geht weniger um das Ereignis selbst. Vielmehr sind es atmosphärische Erschütterungen, die auf merkwürdige Weise den Alltag verwandeln. Merkwürdig, weil sie einer befremdlichen Diskrepanz zwischen äußerem Beben und innerem Unbeteiligtsein nachspüren. Die Schauspielerin Nina Hoss liest diese Geschichten von Haruki Murakami aus dem leidenschaftslosen Japan am 14.1. in den Kammerspielen des Deutschen Theaters (20 Uhr).

Für Verwunderung sorgt auch die Karriere von Michael Schultes „Frühstücksdirektor" (dtv). Als junger Mann träumt er sich durch den Geschichtsunterricht. Mit Xanthippe trinkt er eine Amphore Retsina, im Kolosseum reißt er Karten ab. Eigentlich aber will er Schriftsteller werden. Das führt ihn nach New York. Sein erster Roman endet mit der Verschrottung einer Strickmaschine. Wenn Michael Schulte am 15.1. um 21 Uhr im Buchhändlerkeller (Carmerstr.1) liest, dürfte vor allem eines erschüttert werden: das Zwerchfell.

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