Kultur : Im Strudel der Spirale

ULRICH CLEWING

Mit seiner Meinung hält er nicht hinterm Berg, ob er sich damit nun Freunde schafft oder nicht.Im Gegensatz zu vielen seiner Künstler-Kollegen hat sich Friedensreich Hundertwasser schon immer als jemand verstanden, der Stellung zu gesellschaftspolitischen Fragen bezieht.Lange wurde er dafür belächelt, doch heute müssen selbst seine Gegner zugeben, daß Hundertwasser mit seinen unbequemen Ansichten oft Recht behalten hat.

Hundertwasser, der heute seinen 70.Geburtstag feiert, wurden 1928 als Fritz Stowasser in Wien geboren.Sein Vater, ein Ingenieur und Beamter, starb im Jahr darauf.1943 deportierten die Nationalsozialisten fast die ganze jüdischen Verwandtschaft, 69 von 74 Familienangehörigen wurden in Vernichtungslagern ermordet.Hundertwasser selber blieb jedoch unbehelligt.Nach der Matura schrieb er sich an der Wiener Kunstakademie ein.

Drei Monate hielt es der Frühbegabte dort aus.Dann ging er auf große Fahrt, besuchte Paris, fuhr weiter nach Nordafrika.Erst zwei Jahre später kehrte Hundertwasser nach Wien zurück.1952 hatte er in Wien die erste Einzelausstellung, mit der er auf großes öffentliches Interesse stieß.

Anfangs malte er im Stil der von ihm bewunderten Art Brut und gab den Bildern merkwürdige Titel wie "Wenn ich eine Negerin hätte, würde ich sie lieben und malen" oder "Europäer, der sich seinen Schnurbart hält" (beide 1951).Im Lauf der Zeit wurde seine Malerei immer ornamentaler, kleinteiliger, als hätten sich Paul Klee und Gustav Klimt, Hundertwassers andere große Vorbilder, gemeinsam ans Werk gemacht.Eine weitere, für sein Schaffen entscheidende Entdeckung machte er, als er 1953 in Paris einen Film über die Kunst von sogenannten Geisteskranken zu sehen bekam.Die dort häufig auftauchende Form der Spirale faszinierte den Maler auf Anhieb."Die Spirale", so schrieb vor Jahren ein Kritiker, "gab ihm die Möglichkeit, abstrakt und dennoch figürlich, assoziativ und zugleich kontrolliert, gefällig und gleichzeitig geheimnisvoll zu malen."

Auch mit seinen politischen Thesen hat der Künstler schon früh Aufsehen erregt.1958 erschien seine Schrift "Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur".Darin empfahl er, über die "sauberen Glaswände und Betonglätten" ein "Zersetzungsprodukt" zu gießen, damit sich dort "Schimmelpilz festsetzen" könne und endlich "Leben" in die Häuser einziehe.Kein Wunder, daß das damals keiner gerne hörte.

Ähnlich absurd klang die Idee, die Hundertwasser 1972 in einer Abhandlung mit dem Titel "Dein Fensterrecht - Deine Baumpflicht.Demonstrationen und Architekturmodelle für Dachbewaldung und individuelle Fassadengestaltung im deutschen Sprachraum" formulierte.Bauherren, so meinte Hundertwasser, sollten in Zukunft Dächer und Terrassen mit Gräsern und Bäumen bepflanzen, um einen "Friedensvertrag mit der Natur" zu schließen.Gedüngt werden sollten die "Baummieter" mit Hilfe biologischer "Humusklosetts", welche die Hausbewohner benutzen.

Doch Hundertwasser wollte es nicht bei der Theorie bewenden lassen.Höhepunkt seiner Auseinandersetzung mit Architektur sollte die Realisierung eines Hauses nach seinen Plänen werden.1983 war es soweit: Nach langem Hin und Her erfolgte im August die Grundsteinlegung für das "Naturhaus".Auf den ersten Blick stimmte nichts an diesem Gebäude: wild bemalt, die Fenster kreuz und quer und ohne irgendeine erkennbare Ordnung, die Ecken rund, Fußböden und Decken im Innersten schief und krumm.Noch immer strömen die Touristen zuhauf zur Löwengasse, um die Attraktion zu bestaunen.

Inzwischen haben andere seine Inspirationen weitergetragen, man findet sie buchstäblich überall.Und sei es im eigenen Hof - dort, wo die Biomülltonnen stehen.

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