Kultur : Im Supermarkt

Katrin Wittneven

DIE MARKTMACHER, FINALE

Themen

Der Auktionator:

Tobias Meyer

Der Sammler:

François Pinault

Der Direktor:

Max Hollein

Der Messeleiter:

Samuel Keller

Die Galeristen:

Nicole Hackert und

Bruno Brunnet

Wie könnte man die Verkaufsergebnisse von Kunst noch optimieren? Brauchen Künstler Werbung? Die aktuelle Ausstellung in dem Berliner Projektraum Sparwasser HQ (Torstraße 161, bis 17. September) verfolgt die verschlungenen Pfade der Ökonomie von Galerien und Künstlern. Michael Baers, Kurator der Ausstellung, hat Künstler aufgefordert, die Rollen einmal zu tauschen, sich vorzustellen, Galerien zu vertreten und Werbestrategien zu entwickeln. Petri Saaikko beantwortet die Anfrage naheliegend: mit Annoncen für Rabattaktionen. Deborah Ligorio lässt in einem Film eine Werbekampagne nacherzählen, in der jemand versucht, eine Verkaufsstrategie für einen Kleinwagen zu entwickeln, und dabei ein Blatt Papier kleinfaltet. Am Ende ist es so kompakt, dass es nicht mehr zu zerreißen ist. Der Film endet mit einer Liste alternativer art spaces in Berlin. Merke: Was klein ist, kann sehr widerstandsfähig sein. Zwar bleibt die Ausstellung allzu sehr in einer Ästhetik des Selbstgebastelten und Ephemeren stecken, doch das Thema ist überaus brisant.

Einer Studie des Kulturrats zufolge gibt es 320 000 freie Künstler in Deutschland mit einem Durchschnittseinkommen von 10 814 Euro. Nur fünf Prozent können von ihrer Kunst leben. Rund 4000 Studenten sind an den Kunsthochschulen eingeschrieben, und jedes Jahr drängen neue Absolventen auf den Markt. Wie kommt man da heraus aus der Anonymität? Eine Strategie ist die Medienaktion: „Künstler“, die silbergekleidet vor Ausstellungen mit Passanten über sich selbst als „lebendes Kunstwerk“ kommunizieren. Sie erreichen zwar Öffentlichkeit, aber sonst gar nichts. Auch der junge Däne, der sich damit brüstet, dass arme Bewohner eines Dorfs in Uganda für ein paar Schweine und Ziegen seinen Namen annehmen, befindet sich definitiv auf Abwegen – obwohl angeblich bereits 100 Bewohner (und Bewohnerinnen!) mitmachen. Doch der E-Mail-Dauerbeschuss ausgewählter Galerien und Redaktionen führt nicht selten zum Überdruss.

Besser ist es, sich zu informieren: in dem Buch Collecting Contemporary etwa (Taschen Verlag, 2006). Der Amerikaner Adam Lindemann stellt hier exemplarisch verschiedene Protagonisten des Betriebs vor, den Kunstkritiker, den Kunstberater, den Kurator. Zwar peilt dieses „Kompendium mit 40 repräsentativen Interviews“ eher den Einstiegssammler und nicht den -künstler an, doch so ganz nebenbei vermitteln sich auch für diesen Strukturen des Marktes. „Ein Sammler muss seinen eigenen Standpunkt, seine eigene Strategie, seine eigene Persönlichkeit und seine eigene Vision haben“, sagt der griechische Großsammler Dakis Joannou. Mit der Erkenntnis sollte sich der Künstler dann wieder ins Atelier aufmachen. Gute Kunst bleibt nie unentdeckt.

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