Kultur : Im Teich der Sinne

Sex & Rock: Michael Winterbottoms „9 Songs“

Jan Schulz-Ojala

Michael Winterbottom ist der elegante Eklektiker des europäischen Kinos. In der Welt des besonderen Kostümfilms („Jude“) ist er ebenso zu Hause wie im Western („The Claim“), er hat packende Psychothriller („Butterfly Kiss“) und farbsüchtige Melodramen („I Want You“) ebenso gedreht wie schnelle Alltagsgeschichten („Wonderland“, „24 Hours Party People“) – und zuletzt mit dem Flüchtlings-Roadmovie „In This World“ den Goldenen Berlinale-Bären geholt.

Nun wagt sich der Genre-Surfer auf das schwierige Terrain des anspruchsvollen Autoren-Sexfilms – und hat sich dabei, wenn man das angesichts des Achttagedrehs mit Minibudget sagen darf, ziemlich verhoben. Im Auge hatte er eine auf Sex’n’Drugs’n’Rock’n’Roll beschränkte Geschichte, mit einem jungen Paar, das lustvoll zwischen Bett und Rockkonzert pendelt und nebenbei ein bisschen kokst; aber dann musste doch – wohl aus Angst vor der radikalen Reduktion – ein erzählerischer, zudem mit bedeutungsvollem Voice Over unterlegter Rahmen her. Und zusätzlich zu den Konzertmitschnitten ein die Sexszenen untermalendes Geklimper von Michael Nyman. Darf man sagen, dass Filme, die sich einem Nyman-Score anvertrauen, irgendwann unweigerlich das gewisse Nichts haben?

Also sehen wir den Klimaforscher Matt (Kieran O’Brian) nicht nur im Bett mit Lisa (Margo Stilley), sondern auch allein im Kleinflugzeug über der Antarktis, wo er über das Wesen des Eiskontinents als „Gedächtnis des Planeten“ sinniert. Oder er öffnet, in weniger körperbetonten Augenblicken, sein weißes i-Book, das einem bald als Eisklotz der etwas anderen Art erscheint. Überhaupt: Alles bleibt zuinnerst kühl zwischen Matt und der jungen Amerikanerin Lisa, die für ein paar Wochen in London lebt – da mögen sich die beiden noch so sehr aneinander erhitzen. Leidenschaftsloser sind Sex und Musik, immerhin zwei der schönen Hauptsachen des Lebens, wohl noch nie inszeniert worden.

Woran es liegt? Vielleicht daran, dass Winterbottom nicht mehr als einen artigen Beweis hat führen wollen. Tatsächlich ist das Spiel der Körper – mit Masturbation, Oralsex und, finalwärts, vollständig vollzogener Paarung – immer geschmackvoll fotografiert. Und aus den minutenlang eingeblendeten Konzertmitschnitten in der legendären Brixton Academy, wo Matt und Lisa sich vom Sex erholen und zugleich neue Vereinigungspower tanken, hat das Team mit drei Mini-DV-Kameras immerhin korrektes Material mitgebracht. Und doch, auch Franz Ferdinand, Elbow, der Black Rebel Motorcycle Club oder die Dandy Warhols scheinen dort oben auf der Bühne bald nur mehr ein Soll zu erfüllen.

Also: kein Porno. Aber auch: kein Film. Körper allein, Musik allein, interessieren im Kino nicht – und seien sie noch so schön. So erfasst die Kamera auch die Gesichter des Paares eher zufällig: eine virile Körperrandzone (Matt), ein Gesichtchen, das sich weder zu Zartheit noch zu Ruppigkeit ausformen will (Lisa). Irgendwann sehnt man sich angesichts der bloßen Verschlingungen nach der rauen Passion von Chéreaus „Intimacy“, nach der glühenden Sexualgarstigkeit der Catherine Breillat, sogar nach der groben Gewalt von „Baise-moi“ und nach Nagisa Oshimas unübertroffenem „Reich der Sinne“ sowieso. Michael Winterbottoms „9 Songs“ sind – leider – zunächst neun Minuten Befremden über einen als Konzept getarnten Simpelsinn. Und dann noch eine lange Stunde Langeweile.

Babylon Kreuzberg, Broadway, Central und Filmtheater am Friedrichshain

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