Kultur : Im Teufelskreisel

Gift und Zucker: Lou Reeds Berliner Konzert

Rüdiger Schaper

Es ist ja nicht nur wegen des Vornamens: Lou. Wenn man sich, über all die Jahrzehnte, ein Bild von diesem New Yorker „Transformer“, von diesem „Rock’n’Roll Animal“ machen möchte, ein Bild jenseits der Pop-Klischees, dann würde man ihn Luzifer nennen. Gefallener Engel, Lichtbringer, Teufel. Lou Reed hat das todesverliebteste Rock-Album der Geschichte aufgenommen: „Berlin“ von 1973. Von ihm stammt der zynischste Song über die Pop-Entourage und ihre fatalen Selbstdarsteller: „Walk On The Wild Side“, eine Reminiszenz an die „Velvet Underground“-Zeit in Andy Warhols Factory. Wenn wir schon bei düsteren Superlativen sind: Wer hätte je zärtlicher und ironischer über die Sehnsucht eines Freaks gesungen, einmal normal zu sein, als Lou Reed in „Perfect Day“?

Dies vergiftete Zuckerstück spielte der 63-Jährige am Montagabend im ausverkauften Berliner Tempodrom als einzige Zugabe. Nichts vom „Berlin“-Album, auch sonst nichts aus dem „Very Best“- Fundus für den sentimentalen Fan. Es war, Erwartungen hin oder her, ein gutes, streckenweise großartiges Konzert. Schließlich kann man einem Überlebenden der Sechziger- und Siebzigerjahre nicht vorschreiben, wie so ein Manhattan-Ötzi mit seinem klassischen Status umgeht. „Sex and Drugs and Rock’n’Roll“: Den Song hat er nicht geschrieben. Aber Louzifer Reed hat diese Dreifaltigkeit gelebt wie kaum ein anderer. Andere sind daran eingegangen, waren glamouröser und auch erfolgreicher. Lou Reed war mehr der Skorpion, der aus der Kälte kam.

Letztes Jahr gab es ein neues, in Los Angeles aufgenommenes Live-Album („Animal Serenade“), neues Studio-Material spielt Lou Reed nicht auf dieser Europa-Tour, die vor zwei Wochen in Porto begann, zur Eröffnung des neuen Konzerthauses von Rem Koolhaas. Anno 2005 spielt Lou Reed ältere und ganz alte Songs, die in den hinteren, staubigen Regalen des kollektiven Pop-Gedächtnisses lagern. „Slip Away“, eine todtraurige Hymne aus „Songs For Drella“, dem Andy-Warhol-Memorial, das er 1990 mit John Cale herausgebracht hat. Es trifft die entschlossen melancholische Grundstimmung des Konzerts. „I have to live in fear/My ideas will slowly slip away“. Dieses Gefühl kennt jeder Künstler, dem es vergönnt ist, mit seinem Werk zu altern. Von den vier Musikern, die er auf die Bühne bringt, machen der messerscharfe Drummer Tony Smith und die hinreißend elegische, aber auch heftig hinlangende Cellistin Jane Scarpantoni den Sound. Zuweilen glaubt man, eine wütend leuchtende Philip-Glass-Partitur reiße sich los und forme eine immer dichter werdende Gewitterwolke unter dem gefurchten Himmel des Tempodroms.

„Am Anfang war das Wort, dicht gefolgt von der Trommel und einer frühen Version der Gitarre.“ Die Geschichte der Musik, der Poesie in Lou Reeds eigenen Worten. Unnachahmlich in seiner Furztrockenheit. Und doch irgendwie erhaben. Ein großer Lyriker war er nie. Aber auch nie so aufgepumpt und prätentiös, wie große Lyriker manchmal sind.

Sprechgesang und singende, sägende, zerrende Gitarren: Nach einer halben Stunde ist ein Lärm-Level erreicht, auf dem Louzifer seine anrührend kindliche Magie auspackt. Es sind Songs aus den Hamburger Theaterprojekten mit Robert Wilson; „Vanishing Act“ (aus „POEtry“), „Talking Book“ (aus „Time Rocker“). „Mad“ und „Guilty“ wirken wie Posen, obgleich Onkel Lou, in simplem T-Shirt und Khaki-Hosen, alles auslässt, was an die Lederjacken- und Sonnenbrillen-Tage erinnert. Dies ist ein Konzert, keine Show. Kein Zitatenzirkus. Es geschehen keine Wunder. Ein alter Brummkreisel versetzt seine Zuhörer (tanzt da jemand an der Rampe!?) in vibrierende Meditation. Er selbst zuckt kaum. Bloß keine falsche Bewegung.

Und plötzlich sticht er zu: „Why Do You Talk“. Oder „Charley’s Girl“. Ätzend, verletzend. Dabei schaut man in ein zerfurchtes Pokerface. Bei Lou Reed, und das ist das wahrhaft Teuflische, bekommt man Rausch und Katzenjammer unisono geliefert. Ein Teufel, der sich selbst exorziert. Nichts klingt müder als der noch relativ junge Song „Ecstasy“. Wann hat die Rockmusik ihre Illusionen eingebüßt? Bei Lou Reed hat es nie ein Versprechen, eine Glitzerfantasie gegeben. Er hat uns daran erinnert, dass man verdammt betrunken sein muss, um so nüchtern zu werden.

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