Kultur : Im tiefen Tal der Kopfgeburten

Frank Dietschreit

Alle reden von Globalisierung, Unübersichtlichkeit. Das Tempo der Beschleunigung zieht an. Ist es da nicht tröstlich, dass einige Dinge immer gleich bleiben? Zum Beispiel der von Klaus Völker, dem Direktor der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst, parallel zum Theatertreffen organisierte Stückemarkt. In seinem obligatorischen Eröffnungslamento weist Völker stets darauf hin, wie gering die Chancen junger Dramatiker an deutschsprachigen Theatern sind. Dass ihre Texte allenfalls auf Studiobühnen oder in szenischen Lesungen vorgestellt werden. Da hat er Recht. Andererseits: Könnte die Tatsache, dass Regisseure wie Christoph Marthaler oder René Pollesch sich ihre Spielvorlagen selber schreiben, nicht auch daran liegen, dass die meisten Texte junger Dramatiker reine Kopfgeburten sind?

Seinen Stückemarkt möchte Völker nicht als eine Spielwiese für "Experimentelles und Abwegiges" verstanden wissen, sondern als Forum für Texte, "die gespielt werden können und sollen". Aber trifft das auch auf "Autofahren in Deutschland" zu, einen Text von Ulrike Syha? An der dramatischen Vorlage der Leipziger Regieassistentin fallen zwei Dinge auf: Erstens wird wenig Auto gefahren, zweitens gibt es so viele innere Monologe, dass man sich ein Bühnen-Spiel kaum vorstellen kann. Das ging den sich durch den Text kämpfenden Schauspielern ähnlich. Worum es in Syhas Drama geht, ist nicht so leicht auszumachen. Während sich "vier Spezialisten" und "zwei Bulgaren" wie in einem Road-Movie von einem Unort zum anderen bewegen, wird viel mit Handys, Messern, Pistolen hantiert. Während Finanzberater Lorenz ans Ficken denkt, darf Grafikdesigner Hugo (von Veit Schubert mit ironischer Beiläufigkeit ausstaffiert) schöne Sätze absondern: "Autofahren ist kein vager Zustand, Autofahren ist ein Bekenntnis. Ich fahre Auto, um nachzudenken." Dann bleibt er aber doch lieber in irgendeiner Spelunke sitzen, säuft mit den radebrechenden Klischee-Bulgaren um die Wette. streitet sich mit den beiden sphinxhaften Frauen Marthe und Cleo, die cool und verletzlich von Anika Mauer und Petra Hartung gelesen werden. Apropos: Dass man Petra Hartung, diese leidenschaftliche Schauspielerin nach zwei Jahren Theaterabstinenz wieder sehen und hören kann, ist vielleicht das schönste an diesem eher traurigen Stückemarkt-Auftakt im Haus der Berliner Festspiele.

Nach Syhas zeitgeistigem Verwirrspiel mit Identitäten und Albträumen ist Kurt Drawerts "Monsieur Bovary" ein gemütlicher Ausflug ins konventionelle Konversationstheater. Der bisher eher als Lyriker aufgefallene Autor hat Flauberts "Madame Bovary" adaptiert und in die romantische Geschichte von Sehnsucht und Selbstmord ein paar moderne Gedanken geschmuggelt. Doch auch wenn der Apotheker Homais (bei Peter Fitz ein notorischer Besserwissen) für Wissenschaftsgläubigkeit und Kaufmann Lheureux (bei Daniel Morgenroth ein devoter Profitgeier) für hemmungsloses Kapitalstreben stehen, bleiben Ehebruch und Schwärmerei der Bovary doch zentrale Themen. Corinna Kirchhoff? gibt die somnambul-vergeistigte Schöne und bildet mit ihrem Liebhaber Rodolphe Boulanger ein rührendes Liebespaar. Ulrich Matthes ist der stolze, feige Rodolphe, Peter Simonischek der gehörnte Gatte, Tina Engel Bovarys hartherzige Mutter. Ein Wiedersehensfest mit alten Schaubühnen-Stars; eingespielt wie sie sind, können sie doch nicht vergessen machen, dass das tragikomische Stück über Schuld und Schicksal sehr vorhersehbar gebaut ist und die Aura des Vorgestrigen atmet. Da müsste sich schon jemand wie Michael Thalheimer darüber beugen, das Stück aufbrechen, entschlacken, straffen. Allerdings ist Drawerts "Monsieur Bovary" keine "Emilia Galotti".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben