Kultur : Im tiefen Tal der Superhexen

Warum Männer es echt schwer haben und Frauen nichts dafür können. Büchertipps zum Vatertag

Meike Fessmann

Es ist ein seltsames Phänomen: Wenn Frauen über Männer schreiben, geht es kaum noch ohne Spott ab. Und so schwer er sich unterdrücken lässt – es soll hier zu Ehren des Vatertags ausdrücklich geschehen –, scheinen Männer diesen Spott irgendwie sogar zu genießen. Denken sie, sie selbst könnten ohnehin nicht gemeint sein? Das wäre ein Zeichen großen Selbstbewusstseins. Oder denken sie womöglich, sie seien als Objekt weiblichen Amüsements wenigstens zu irgendetwas nutze? Das wäre ein Zeichen völliger Resignation. Aber wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Männer haben eine Schwäche für Ironie. Aber zur Ironie gehört Distanz. Und genau die scheint ihnen zurzeit zu fehlen. Da springen wir gern einmal in die Bresche, mit und ohne Spott.

Was ist los mit den Männern? Sie befinden sich ganz offensichtlich in der Krise. So zumindest behaupten es zwei, die es wissen müssen: die Brüder Andreas und Stephan Lebert, erfolgreiche, wortgewandte und gebildete Männer, Chefredakteur von „Brigitte“ der eine, Redakteur für besondere Aufgaben bei der „Zeit“ der andere. Sie sprechen unumwunden von der „Trostlosigkeit des Mannes“. Der Mann von heute sei ein angepasster Jasager, einer, der es aus lauter Gier nach Anerkennung jedem recht machen wolle: seinem Chef, seiner Frau, seinen Kindern, seiner Schwiegermutter. Er sei „ein Mann ohne Eigenschaften“, watteweich, nachgiebig, zu keiner Auseinandersetzung mehr fähig. Das klingt hart. Aber wollen wir es bestreiten, wenn es aus so berufenem Munde kommt?

Allerdings mag man weder an die vorgeschlagenen Lösungsmöglichkeiten glauben – einfach mal mit dem Sohn angeln gehen, einfach mal eine reparaturbedürftige Pumpe auseinander- und auch wieder zusammenbauen oder einfach mal auf den Tisch hauen und der Frau ins Gesicht sagen, dass sie einen langweilt und man lieber mit den Kumpels einen trinken gehen würde –, noch an den vermeintlichen Grund dieser Krise. In ihrer „Anleitung zum Männlichsein“ diagnostizieren die Autoren eine „Verweiblichung der Gesellschaft“ und raunen von einer „Lawine“, die schon jetzt „viel Kraft“ habe, aber ihre „volle Gewalt“ erst noch entwickeln werde. Wie bitte? Nur weil die Mädchen in der Schule besser sind als die Jungs, nur weil die Werbestrategen die Frauen als Konsumenten entdeckt haben, nur weil sie, wie es heißt, „den Alltag beherrschen“, sollen die Männer in eine „Identitätskrise“ geraten sein? Viel eher trifft das Gegenteil zu. Die Frauen verlassen den häuslichen „Alltag“ und ziehen hinaus ins Berufsleben. Manche machen sogar Karriere. Dass Deutschland von einer Kanzlerin regiert wird, allen Unkenrufen zum Trotz sehr souverän, dürfte die meisten Männer mehr verunsichern als die Tatsache, dass es inzwischen sogar Autowerbung gibt, die auf Frauen zugeschnitten ist.

Was ist so schlimm daran, dass die Frauen allmählich aufholen? Wovor haben die Männer so entsetzliche Angst, vor weiblicher Konkurrenz im Beruf oder vor dem Ausfall häuslicher Serviceleistungen? Und warum machen sie so einen irrsinnigen Wirbel um den Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung? Glauben sie wirklich, die Kleinen gingen daran zugrunde? Oder übertragen sie womöglich ihr eigenes seelisches Dilemma auf den Nachwuchs: Wer wird mich loben, bewundern, trösten, versorgen, wenn ich nach Hause komme? Es stimmt ja, dass es schön ist, wenn zu Hause jemand auf einen wartet. Das gilt für Kinder und Männer, aber auch für Frauen. Man könnte das geradezu als Definition des Zuhauseseins gelten lassen: freundlich in Empfang genommen zu werden. Aber was spricht dagegen, sich das Gefühl des Willkommenseins wechselseitig zu bescheren? Wahrscheinlich ist es die männliche Erfahrung. Sie wissen nur zu gut, wie erschöpft sie aus der Arbeitswelt nach Hause zurückkehren. Mit gutem Recht trauen sie weder sich selbst noch den Frauen das erforderliche Maß an Entgegenkommen zu. Also schalten sie um auf Kampfmodus.

Doch der Kampf, den sie führen, richtet sich gegen den falschen Gegner. Es ist nicht der Feminismus, und es sind nicht die Frauen, die ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen. Es sind die Verhältnisse, die sie selbst geschaffen haben: eine Welt, die nur noch nach ökonomischen Prinzipien funktioniert und deren Kennzeichen Beschleunigung ist. Alles zirkuliert mit zunehmender Geschwindigkeit: Daten, Waren, Kapital. Wer ein paar Tage seinen Arbeitsplatz verlässt, hat hunderte von Mails auf dem Rechner. Auch sonst gibt es eine Menge Gründe, vor Ort zu sein. Alles, was sich aufstaut, überschreitet ziemlich schnell das Maß des noch zu Bewältigenden. Da geht man lieber ein bisschen später in den Feierabend, krank zur Arbeit, seltener in den Urlaub. Zugegeben: So malt man den Teufel an die Wand. Aber nur um zu zeigen, dass der Stress, unter dem die Männer leiden, keineswegs die Gestalt einer weiblichen Lawine hat.

Die Panik der Männer hat also einen anderen Grund. Sie wissen sehr wohl, dass sie an die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit geraten, wenn die Entlastung durch weibliche Zuwendung ausfällt. Aber warum den Umweg über die Frauen gehen? Warum den Druck nicht dort reduzieren, wo er entsteht: in der Arbeitswelt. Natürlich gibt es die Zwänge der Globalisierung. Aber sie wirken nicht immer und überall, und sie sind modulierbar. Es gibt einen Spielraum für Entscheidungsträger. Sonst hätten sie ja ihren Namen nicht verdient. Und auch das Ansehen nicht, das mit ihren Positionen verbunden ist.

Doch es steht zu befürchten, dass die Männer einen anderen Weg gehen werden. Schon erscheinen die ersten Ratgeber, die den liebenswerten Grübeldiskurs des Lebert-Buchs ziemlich alt aussehen lassen. Frank Hofmann, Herausgeber von „Men’s Health“, dürfte mit seinem Buch „Generation Best Life“ ein Vorreiter sein. Früher hat man Produkte verbessert, heute optimiert man sich selbst. Geschrieben hat er es „für Männer, die alles wollen“ (so der Untertitel).

In siegesgewisser Pose lächelt der Autor vom Cover, zusammen mit den Schlagworten, um die es gehen wird: Fitness, Beruf, Sex, Familie – in dieser Reihenfolge. Den ersten Satz ahnt man schon, bevor man ihn liest: „Dieses Buch hat nur ein Ziel: Ihnen zu Ihrem bestmöglichen Leben zu verhelfen.“ Höher, schneller, weiter, dümmer. Hofmann weiß, wie man die Gattin zum Sex verführt: indem man ihr ein Bad einlässt (aber Vorsicht, nicht merken lassen, dass Sie Hintergedanken haben!), er weiß aber auch, wie man sie ohne finanzielle Verluste wieder loswird.

Wer etwas Intelligentes zum Thema lesen will, der greife zu Barbara Sichtermanns und Ingo Roses Buch „Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs“. Es ist längst nicht so reißerisch wie sein Titel. Im Gegenteil. In aller Ruhe erörtert es die gegenwärtige Situation und zeigt, wie viel die Männer gewinnen können, wenn sie die Macht teilen und mit ihren Partnerinnen auf Augenhöhe leben: nicht zuletzt neue Spielformen einer Erotik, die nicht von Abhängigkeit lebt.

Stephan Lebert, Andreas Lebert: Anleitung zum Männlichsein, S. Fischer, Frankfurt am Main 2007. 200 Seiten, 17,90 €

Frank Hofmann: Generation Best Life, Scherz , Frankfurt am Main 2007. 288 Seiten, 14, 90 €

Barbara Sichtermann, Ingo Rose : Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs, Edition Ebersbach, Berlin 2007. 248 Seiten, 19, 90 €

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