Kultur : Im Traumland

Anneliese Rothenberger zum 80. Geburtstag

Frederik Hanssen

„Ach, ich fühl’s , es ist entschwunden ...“ Eine Königstochter wird von dubiosen Priestern gekidnappt, begegnet ihrem Retter, verliebt sich in ihn – doch plötzlich will der Mann nicht mehr mit ihr reden. Als Pamina in Mozarts „Zauberflöte“ reagiert Anneliese Rothenberger auf den Liebesentzug wie eine perfekte Königstochter: Ein kurzes Aufbäumen, dann sinkt die Stimme wieder ins Pianissimo; das Herz ist gebrochen, der Rücken aber bleibt gerade. Ein lichter Sopran, geführt mit vollkommener Kontrolle, eine Erscheinung wie eine Porzellanpuppe – und doch gelang es Anneliese Rothenberger, ihren Figuren Leben einzuhauchen. Mozart war der Fixpunkt dieser Weltkarriere, beginnend mit jenem Abend 1946 bei ihrem ersten großen Engagement in Hamburg, als die 20-Jährige in der „Zauberflöte“ nicht nur den 1. Knaben, sondern, als Einspringerin, auch noch die Königin der Nacht sang. Ab 1954 war sie regelmäßig in Salzburg zu erleben, ab 1960 auch an der New Yorker Met, erst in den Dienerinnenrollen, bald als Protagonistin, mit der Konstanze aus der „Entführung“ als Krönung.

Auch als „Rosenkavalier“-Sophie und Zdenka in „Arabella“ von Richard Strauss feierte sie Triumphe, bis sie sich 1989 nach einer Krebsoperation in ihre Villa am Schweizer Bodensee zurückzog. Der breiten Masse bleibt die gebürtige Mannheimerin, die morgen ihren 80. Geburtstag feiert, als Operettendiva und Fernsehmoderatorin in Erinnerung: Ab 1970 hieß es samstags zur besten Sendezeit im ZDF „Anneliese Rothenberger gibt sich die Ehre“, ab 1982 war sie Reiseführerin im „Traumland Operette“. Mit den Shows, für die sie gleichermaßen geliebt wie gehasst wurde, setzte Rothenberger den Schlussstein der deutschen Operettentradition: Weil sie beim konservativen Publikum auf ewig die Sehnsucht nach dem Rüschen und Strassglitzer zementierte und den 68ern die „leichte Muse“ als unreflektierten kleinbürgerlichen Alltagsfluchtweg ungenießbar machte. Geschlagene Schlachten. Das Zeitalter, dessen sternflammende Prinzessin Anneliese Rothenberger war, ach, ich fühl’s, es ist entschwunden.

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