Kultur : Im Trommelfeuer

Mit dem Dokudrama „Road to Guantanamo“ agitiert das Festival zur Halbzeit offen politisch

Christiane Peitz

Das erste Bild: Präsident Bush. Er sagt, die Gefangenen in Guantanamo seien schlechte Menschen. Das zweite Bild: einer von diesen schlechten Menschen, Asif, 19 Jahre alt. Und gleich darauf seine drei Freunde: Ruhel, Shafiq, Monir. Sie leben in Tipton bei Birmingham, sie reisen im September 2001 nach Pakistan, weil Asif dort heiraten will. Ein Trip, ein Urlaub – und schon der Filmtitel verrät, dass der Zufall sie in den amerikanischen Krieg gegen den Terror verwickeln wird. Die Geschichte der vier Jungs aus Tipton hat Schlagzeilen gemacht: Über zwei Jahre waren sie in Guantanamo interniert, im März 2004 kamen sie frei.

Michael Winterbottom inszeniert ihre Geschichte nach. Asif, Ruhel und die anderen erzählen vor der Kamera, der Film veranschaulicht das Erzählte: mit jungen Darstellern an Schauplätzen in Pakistan, Afghanistan, Iran. Ein parteiischer Film, ähnlich wie Winterbottoms Migrantendrama „In This World“, das 2003 den Goldenen Bären gewann, als die Berliner gerade rund um den Potsdamer Platz gegen den Irakkrieg demonstrierten. Rasante Schnitte, Video, Handkamera, Nachrichten-Stil, verwackelte Nachtaufnahmen, trommelnder Soundtrack. Agitprop für die gute Sache.

Halbzeit auf der Berlinale: Das Festival wird offen politisch. Begonnen hatte es mit Kammerspielen von Menschen, vor allem Männern in der Krise. Es ging weiter mit Geschichten von Einsamkeit in der globalen Gemeinde: von der Isolation eines Transsexuellen in Dänemark („En Soap“), der Tristesse Osteuropas („Slumming“), der Liebesnot moderner Großstädter, („Elementarteilchen“), der Verzweiflung eines Triebtäters („Der freie Wille“), der Demütigung eines Leibwächters („El Custodio“). Lauter Nachtgestalten in einem düsteren, spröden Wettbewerbsprogramm.

Das Weltkino, so scheint es, betreibt Askese. Es bevorzugt die strenge Form, die Distanz, träumt Albträume, versagt sich den Spaß, das Spiel, das Verrückte. Die federleichte, schwebende Kamera von Robert Altman, sein herzenskluger Esprit, mit dem er in „A Prairie Home Companion“ noch vom Sterben erzählt, sie war wie eine Erlösung. Fast hatte man sie vor lauter Bedrückung vergessen: die fantastische Freiheit der Bilder.

Und gestern im Wettbewerb: eine Nahaufnahme von der Armut in Iran („Zemestan“), dann Winterbottom. Winterbottom ist nicht streng. Er mixt virtuos die filmischen Formen, will was, wühlt auf, rüttelt wach. Nach einer guten Filmstunde, nach der Odyssee der Freunde von Karachi über Kandahar, Kabul, die Taliban-Hochburg Kunduz, nach asiatischem Großstadtchaos, Bombenangriffen, Massengefängnissen, Transporten in sauerstofflosen Containern, Krankheit, Schlägen und Verhör-Torturen landen drei der Freunde in Guantanamo. Hundezwinger unter freiem Himmel in Camp X-Ray, gleißende Hitze, bittere Kälte, orange Overalls, Säcke überm Kopf. Später, in Camp Delta, überdachte, mit Zahnbürsten ausgestattete Drahtverhaue, Schikanen der US-Soldaten, wieder brutale Verhöre, falsche Verdächtigungen, Einzelhaft: Man kennt das aus den Nachrichten.

Es ist empörend – und mitunter so absurd, dass die Leute im Berlinale-Palast auflachen, als sich die Jungs auf irgendwelchen Fotos von Versammlungen mit Bin Laden erkennen sollen. Und es ist längst nicht vorbei. 500 Gefangene sind noch heute dort interniert, nur zehn von ihnen erhielten einen ordentlichen Prozess, keiner wurde eines Verbrechens überführt.

Ein wichtiger, notwendiger Film. Aber er hat ein Problem: Winterbottoms Wahl der ästhetischen Mittel, seine Ästhetisierung der Gewalt. „Road to Guantanamo“ sieht aus wie ein CNN-Doku-Feature, der Film bedient sich des Propagandastils derer, gegen die er protestiert, und bombardiert das Publikum geradezu mit politischer Korrektheit. Embedded empathy statt embedded journalism. Nichts gegen Empathie, Haltung, unbedingte Parteinahme: Aber warum muss sie das Publikum derart gängeln? Meint der britische Regisseur, dass er nur so die anderen erreicht? Die Donald Rumsfeld glauben, wenn er im Film sagt, die Gefangenen würden korrekt behandelt?

Das größere Problem: Die jungen Männer berichten von ihrer tragischen Reise wie von einem Abenteuer. Es sind ganz normale Migranten-Kids, sie haben in Tipton bisschen was ausgefressen, harmlose Sachen, einer ist vorbestraft. Sie fuhren von Pakistan nach Afghanistan, weil sie sich dort umschauen und helfen wollten, sagen sie. Ausgerechnet Ende September 2001, als alle Welt wusste, dass die Taliban sich in den Bergen verschanzen und die USA einen Angriff planen? Vielleicht stimmt es, vielleicht nicht.

Winterbottom legt seinen inszenierten Sequenzen die Naivitätsvermutung zugrunde. Als ob es einen Unterschied macht: Selbst wenn seine Protagonisten erwogen haben sollten, bei Al-Qaida mitzumischen, ja selbst wenn sie es getan hätten, wäre ihre Behandlung in Guantanamo ein genauso schlimmer Verstoß gegen die Menschenrechts-Konvention. Winterbottom provoziert die Zuschauer- Empörung mit der Geste: Seht her, hier werden Unschuldige gefoltert. Eine gefährlich vereinfachende Geste. Es ist komplizierter: Folter gehört immer geächtet. Auch bei Schuldigen.

Heute, 12 Uhr, 18.30 Uhr (Urania)

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