Kultur : Im Turngau

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Als ich bei Guido Knopp im Fernsehen neulich Eva Braun rittlings auf der Reckstange Räder drehen sah, war ich erstaunt über ihre Farbigkeit – weißer Badeanzug und spanielbraune Haare. Das Dritte Reich war doch schwarzweiß? Ich sah die bunten, bewegten Bilder von Hitlers Geliebten zum ersten Mal. Eva rotierte um die Stange, jauchzte froh, und da fiel mir ein, dass ich mal genau so turnte. Beim Gaukinderturnfest in SeeheimJugenheim gewann ich die Bronzemedaille, das ist mehr als zwanzig Jahre her. Als mir die Medaille verliehen wurde, war ich aber schon abgereist. Mit einem Preis hatte ich nicht gerechnet. Nachdem ich kurz vorm Sprung über den Kasten vergaß, was ich machen sollte und mich einfach quer darüber warf. Die Übung am Reck behielt ich besser im Gedächtnis, ich kreiste vorschriftsmäßig. Als ich sah, wie Hitlers Mätresse es genau so machte, fiel mir auf, dass auch der Name meines Turnfestes wohl von den Nazis kam. Ich hatte bei „Gau“ sonst nur an Tschernobyl gedacht – und an meine bronzene Medaille. Turngau, Rheingau, Reichsgauleiter führten alle Wege in den Bunker? Die Erleuchtung war nur ganz kurz, eine Art Hyperlink von der Vergangenheit in die Gegenwart, ohne Textbaustein zum Anklicken. Ich dachte, Kappes. Unsinn. Niemand würde mich, Kind der Siebzigerjahre, des Mitläufertums bezichtigen, nur weil ich mich im Turngau tummelte. Trotzdem grübelte ich weiter. Über Eva Brauns Muskelspannung, meine Bronzemedaille und die verschiedenen „Gaue“ dieser Welt. Ich kam schließlich bei Müller-Thurgau an und ließ den Korken ploppen.

Maike Wetzel, 30, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Zuletzt erschien der Erzählband „Lange Tage“ (S. Fischer).

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