Kultur : Im Verkaufsrausch

Munch, Gauguin, Grosz: die Londoner Auktionswoche

Matthias Thibaut

Noch ist nichts verkauft und schon melden die emsigen Pressestellen der Londoner Auktionshäuser wieder Rekorde. Sotheby’s will, nach der Gesamtschätzung zu urteilen, in seiner Gala-Auktion am Dienstag Kunst für 100 Millionen Euro verkaufen und damit einen Umsatzrekord aufstellen. Christie’s kündigt für die Moderne-Woche „880 Kunstwerke in fünf Tagen an“. Allein der Sonderkatalog mit deutscher Kunst hat hier eine mittlere Schätzung von 30 Millionen Euro.

Womit vor allem eins bewiesen ist: Gute Kunst strömt auf den Markt wie schon lange nicht mehr. Die Anbieter nutzen die ungebremste Kauflust, die vor allem amerikanische Sammler gepackt hat. Und wenn die Ambitionen in London groß sind, werden sie in New York im Mai noch größer sein: Mit van Goghs Porträt der „L’Arlésienne“ (Madame Marie Giboux) kommt bei Christie’s dann eine echte Trophäe zum Aufruf: Das Bild soll mindestens 40 Millionen Dollar kosten.

Vielleicht kann Alexej von Jawlenskys fauvistisches Porträt „Dunkle Augen“ in London zum Stimmungsbarometer für die aktuelle Marktlage werden. Als es 2001, vor dem jüngsten Kunstboom, unter dem Hammer kam, kostete es 770 000 Pfund. Nun liegt Christie’s Schätzung bei 2 bis 3 Millionen Pfund. Vielversprechend ist auch das „Caféhaus“, ein Gemälde von George Grosz aus dem Jahr 1915. So frühe Ölbilder von Grosz werden nur alle Jubeljahre angeboten, denn nur wenige Gemälde der Vorkriegszeit haben die Kriegswirren und die Jagd auf die „entartete“ Kunst überlebt. Als 1996 in London „Wildwest“, ein Großformat von 1916 auf 70 000 bis 90 000 Pfund geschätzt war, fiel der Hammer bei 1,3 Millionen Pfund. Das „Caféhaus“ geht nun mit einem Schätzpreis von 400 000 bis 600 000 Pfund ins Rennen.

Rekordverdächtig ist auch Heinrich Campendonks „Kuh mit Kalb“ – sollte das kraftvolle, vibrierende Werk, das den Schnittpunkt von Kubismus und Fauvismus markiert, die Erwartung von 1,1 bis 1,5 Millionen Euro einlösen. Teuerstes Werk der Christie’s-Auktion könnte Ernst Ludwig Kirchners „Frauenbildnis im weißen Kleid“ von 1908 werden, eine malerische Tour de force, bei der Kirchner ein klassisches Impressionistenmotiv mit expressionistischer Kraft angeht (3 bis 5 Millionen Pfund).

Bei Sotheby’s gehören die Munchs der Olsen-Sammlung zu den Hauptattraktionen, über die in der deutschen Presse schon mehr spekuliert wurde als ihre gemischte künstlerische Qualität rechtfertigt. Der deutsche Katalog eröffnet mit einem Murnauer Herbstbild von Wassily Kandinsky (300 000 / 500 000 Pfund), hat wieder einen der bei Sotheby’s schon fast obligatorischen frühen Feininger (Kleinstadt, 250 000 / 350 000 Pfund), aber die höchsten Taxen gehören Blumengemälden von Nolde: Ein „Blumengarten mit Stiefmütterchen“ von 1908 soll 1 bis 1,5 Millionen Pfund bringen. Danach kommt das Los der Woche an die Reihe: Paul Gauguins „Deux Femmes“ von 1902, das bei seinem zweiten Südseeaufenthalt entstand. Es zeigt zwei junge Mädchen und einen Fuchs, der eher in die bretonische Heimat des Malers als nach Tahiti passt. Mit 11 bis 14 Millionen Pfund (16 – 21 Millionen Euro) wird das Gemälde bewertet.

Nach den Moderne-Auktionen folgt zwei Tage lang Nachkriegskunst. Freud und Bacon teilen sich die Preisspitze – aber belebt wird das Geschehen von einer munteren Auswahl jüngerer und jüngster Kunst: Sotheby’s beginnt seine Contemporary-Auktion mit Martin Kippenbergers „Capri by night“ (60 000 / 80 000 Pfund) und endet mit einer Folge von Matthias Weischer, Albert Oehlen, Thomas Scheibitz, Dirk Skreber und Marlene Dumas. Bei Christie’s ist die Reihe der favorisierten Trendmaler identisch – nur dass man dem als Krone einen Franz Ackermann von gewaltigen Dimensionen aufsetzt: Die 280 mal 400 Zentimeter große, farbenfrohe Chaoslandschaft „B2 Barbeque with the Duke“, ein riesiger, allen Sinn verschlingender Krater, mit einer rekordreifen Taxe von 150 000 / 200 000 Pfund. Schon weil die Galerien die weltweite Nachfrage nicht befriedigen können, werden die Preise in die Höhe schießen.

Umsichtiger ist der Markt für die teuersten europäischen Maler der letzten Dekaden: Beide Häuser treten mit Bildern von Francis Bacon und Lucian Freud in Wettstreit. Sotheby’s hat Bacons „Two Figures at a window“ (mindestens 1,8 Millionen Pfund), Christie’s eine Studie nach Velazquez’ Porträt des Papst Innozenz, ein Bild im Zentrum von Bacons Œuvre, für das rund 5 Millionen Pfund angesetzt sind. Beide Auktionshäuser stehen für ihre Bacons mit Preisgarantien gerade – ein Indiz dafür, wie hochgereizt dieser Markt schon ist. Freuds Porträt des nachdenklichen Journalisten Bruce Bernard bei Sotheby’s wird mit 2 bis 3 Millionen Pfund bewertet. Bei Christie’s ist „Mann im Korbstuhl“, wegen des größeren Formats noch teuerer (3 bis 4 Millionen Pfund). Acht Gemälde Freuds werden insgesamt in den beiden Auktionen angeboten, man könnte damit eine kleine Retrospektive bestücken. Das Marktkarussell wird sich nächste Woche wieder ein bisschen schneller drehen – und niemand denkt momentan daran, dass es einmal wieder zum Stillstand kommen könnte.

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