Kultur : Im Westen geht die Sonne auf

Eine Kultur-Initiative will Charlottenburg wiederbeleben – ausgerechnet in einem ehemaligen Bordell

Jörg Plath

„Wir liegen neun Kilometer hinter der Front“, so beginnt Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ von 1929. Wir sitzen acht Kilometer hinter dem Prenzlauer Berg, können Isabelle Azoulay und Jörg Aufenanger achtzig Jahre später sagen. Am Savignyplatz verkünden sie: „Im Westen was Neues“. Das ist eine gut gelaunte Kampfansage nicht etwa an den Osten, sondern in Richtung eigener Mäkelei. „Wir haben genug vom Jammern und Klagen über das sterbende Charlottenburg“, sagt Aufenanger. „All das Gemeckere über die geschlossenen Kudamm-Kinos, den Bankrott der Paris-Bar, das Ende des Schillertheaters, das Abhängen des Bahnhof Zoos vom Fernverkehr. Wir wollen, dass es sich ändert.“ Durch Charlottenburg muss ein Ruck gehen.

Der Theaterregisseur, Schiller- und Heine-Biograf und die Internetgaleristin haben einen „losen Zusammenschluss“ von Künstlern und Lebenskünstlern ins Leben gerufen, „die im alten Westen Berlins leben, lieben und arbeiten und aus diesem einen neuen lebendigen Westen schaffen wollen“. Programmatischer Titel: „Im Westen was Neues“. Die Schriftsteller Judith Kuckart und Norbert Kron sind dabei, die Malerin Christiane Grasse, die Schauspieler Nina Herting, Gerhard Haase-Hindenberg und Hermann Treusch. Auch Bezirksfremde wie der Schriftsteller Gregor Eisenhauer gehören dazu. Weitere Namen möchte Jörg Aufenanger nicht nennen. Es ist eben eine lockere Gruppierung von Leuten, die sich seit langem kennen, oft auf der Straße und in Restaurants sehen und die Idee irgendwie gut finden. Ansonsten: keine Strukturen, keine Honorare, keine Regelmäßigkeit, keine Tabus – alles wie bei den Slampoeten in Friedrichshain, nur die Rente ist den meisten Beteiligten näher. Aufenanger, Jahrgang 1945, beteuert: „Ältere können’s auch.“

Im Osten der Stadt würde man wohl auch nicht das Patentamt aufsuchen, um noch vor dem Start Titelschutz für „Im Westen was Neues“ zu beantragen. Es könnte ja sein, hoffen die Initiatoren, dass ihre Themenabende an wechselnden ungewöhnlichen Orten ein Erfolg werden. Zum Auftakt laden sie in die „Galerie 1er Étage“, das ehemalige Bordell „Sophias Beherbergungsbetrieb“ am Savignyplatz 1, um der Lust in allerlei Sublimationsformen zu frönen. „Das Charlottenburg um den Savignyplatz“, kündigt das Programm etwas verklemmt an, „wird zu einem Tummelplatz der Leidenschaften werden.“ „Im Westen was Neues“ führt mit bemerkenswerter Unbekümmertheit zusammen, was den Bezirk so zerrissen wirken lässt: das sich ausbreitende Rotlichtmilieu, mit dem Charlottenburg bereits in der Kinowerbung assoziiert wird, und die Melancholie vieler in Ehren ergrauter Bewohner, die 1968 sexuelle und andere Revolutionen erprobten, sich nun schon aber seit Jahrzehnten für den Staat oder die Kultur aufopfern.

Die Dame am Eingang heißt Wanda, sie wedelt mit der Pelzstola über dem tiefen Ausschnitt, verkauft Karten und verteilt Küsschen: Man kennt sich. Nackt hängen die Glühbirnen in den drei Räumen dahinter von der Decke, ein Musiker jammt am E-Piano, an den weißen Wänden hängen erotische Zeichnungen in nicht so erotischen Glaswechselrahmen. Ein Auge der Besucher gehört der Kunst, das andere den Gästen: Immer wieder müssen Freunde und Bekannte begrüßt werden. Einige Frauen haben sich vom Genius loci inspirieren lassen: rote Lederjacke, Highheels und Netzstrumpfhose. Zwei schwärzest gekleidete Männer verwenden alle Kraft für das eindrucksvolle Dastehen.

Stühle gibt es ohnehin zu wenig, als Aufenanger vom improvisierten Pult aus erzählt, wie die Idee zu „Im Westen was Neues“ entstand: Im Januar hatten er und Isabelle Azoulay in einer temporären Galerie – so was gibt’s jetzt auch westlich vom Bahnhof Zoo – eine Lesung zu einer Ausstellungseröffnung organisiert. Achtzig Leute füllten den Raum. „Das machen wir wieder, dachten wir, und Friedo Keiling fragte, warum nicht bei ihm im ehemaligen Bordell über seinem Restaurant Brel am Savignyplatz“. Dann spricht Azoulay über die erotischen Zeichnungen an den Wänden, die aus ihrer Galerie stammen. Sie schwärmt vom „warmen Refugium“ der Lüste, während die Temperatur in den Räumen bedenklich steigt.

Manche erotische Zeichnung betrachte man nicht, sie drücke uns an die Wand, sagt sie mit leiser Stimme, und nicht wenige der Stehenden sehnen sich nach einem solchen Gehaltenwerden. Um 1920 entlarve die Kunst den Penetrationsakt als Chimäre, woraus, damit kommt Azoulay zum Ende, die „Freiheit für Partialvergnügungen“ erwachse. Das lassen sich die Gäste nicht zweimal sagen. Sie beginnen zu reden und sich zu regen, und der Schauspieler Gerhard Haase-Hindenburg muss seine Stentorstimme mehrfach erheben, um dem Menschheitsthema abschließend noch einmal lyrisches Gehör zu verschaffen. Erotik ist schön, macht aber viel Arbeit, hätte Karl Valentin gesagt.

Wann begibt sich wieder was Neues in Charlottenburg? Am 19. Mai tragen Nina Herting und Hermann Treusch „Stellen“ erotischer Weltliteratur vor, in den Monaten danach könnte es in einer Stripteasebar oder einem Hotel weitergehen mit Abenden über das Weinen, den Savignyplatz oder Wale. Genaueres wollen Isabelle Azoulay und Jörg Aufenanger noch nicht preisgeben. Für das Guerillamarketing gilt wie für die Erotik: Der Vorhang darf nicht zu früh gelüftet werden.

Im Westen was Neues, Savignyplatz 1, (Charlottenburg). Nächste Veranstaltung: 19. Mai, 20 Uhr.

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