Kultur : Im Wettbewerb: Große Liebe

Daniela Sannwald

Sie sitzt apathisch in einem der bunten Wägelchen und lässt sich herumschubsen, wobei ihr ganzer Körper durchgeschüttelt wird. Und wenn eine Fahrt zu Ende ist, bleibt sie sitzen, bis die nächste beginnt. Spaß macht es ihr nicht; es versetzt sie vielmehr in eine Art erwünschte Betäubung. Félix, der im Kassenhäuschen sitzt, fällt sie auf, natürlich - und das ist im Grunde schon die alte Geschichte, die "boy meets girl" heißt.

Aber der Film hat gerade erst angefangen. Und so kriegen sich die beiden nicht einfach, sondern Félix muss erst Lolas Geheimnis auf die Spur kommen. A propos: Heißt sie überhaupt Lola? Hat sie eine kranke Mutter? Hat sie ein Kind, das sie nicht sehen darf? Hat sie gar jemanden umgebracht? Charlotte Gainsbourg ist Lola: mit dunkelgrau geschminkten Lidern, so schwer, dass ihr die Augen ständig zuzufallen drohen. Mit einer lasziven Trägheit, die ans Somnambule grenzt und gelegentlich von Eruptionen des Begehrens erschüttert wird. Diese Mischung macht sie so unwiderstehlich, dass es den Autoscooter-Unternehmer schier um den Verstand bringt.





Philippe Torreton mit seiner naturburschenhaften Physis spielt ihn als rauhen Einzelgänger, dessen Seele genauso kantig wie sein Gesicht zu sein scheint. Doch die Liebe macht ihn weich und zärtlich, und ganz besonders ihre offenkundige Hilflosigkeit. Aber kommt er gegen zwei aristokratische Fremde an, die offenbar mit Lolas Vergangenheit zu tun haben? Würde er für Lola töten? Würde sie für ihn sterben?

Vor dem Hintergrund des Jahrmarkts, der seit Stummfilmzeiten für alles Flüchtige steht, für Rückkehr in die Kindheit und sinnliche Verwirrung, stellt Leconte große, zu große Fragen. Dann wieder verfällt der Regisseur selbst dem Reiz des Milieus: mit gemütlichen Essen vor den Wohnwagen, mit einem Loblied auf die Solidarität der Schausteller, die Herzlichkeit, mit der sie Lola akzeptieren. Doch irgendwann fährt der Film - mit den Emotionen des Helden Félix - selbst Achterbahn.

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