Kultur : Im Windkanal der Ereignisse

Die Akademie der Künste Berlin verleiht den Döblin-Preis

Katrin Hillgruber

Die Frage, wie er oder sie in eine Geschichte hineingeriet, ist für Romanfiguren meistens müßig. Denn im besten Fall sind sie schon zu sehr im Windkanal der Ereignisse gefangen, um sich noch umdrehen und aussteigen zu können. Die Frage, wie der bald 89-jährige George Tabori zu seiner bewegten Lebens- und Bühnengeschichte kam, beantworten sein Buch „Autodafé“, Anat Feinbergs neue „dtv“-Biographie und dreißig Regalmeter: das George-Tabori-Archiv, das die Akademie der Künste nun vollständig erschlossen hat – nicht zuletzt als wertvolle Ergänzung des Schwerpunktes Künstleremigration während der NS-Zeit, wie Archivdirektor Wolfgang Trautwein in Taboris Beisein gestern betonte.

Einen Stock tiefer erlebte derweil Kathrin Groß-Striffler ihre Initiation in den Literaturbetrieb. Einmütig hatte sich die diesjährige Jury des Alfred-Döblin-Preises – Elfriede Czurda, Katja Lange-Müller und Heinrich von Berenberg – für das Manuskript der 48-jährigen Lehrerin aus Franken entschieden. Doch ihre Dankesrede nivellierte Döblin auf das Hochplateau der Erwachsenenbildung, wie auch die Lesung aus dem prämiierten Manuskript „Die Hütte“ zwischen Impressionen tierlieben US-Farmerlebens und der unbestimmten german angst der ausgewanderten Heldin Johanna schwankte, und das in überraschend biederem Ton.

Tags zuvor nämlich hatte Preisstifter Günter Grass noch höchste Ansprüche an die formale Modernität gestellt, womit er Autoren wie Bernhard Setzwein oder den jungen Glauser-Preisträger Thomas Glavinic konfrontierte. Dessen Pubertätsgeschichte „Wie man leben sollte oder vielleicht auch nicht“ entfaltet eine spezifisch österreichische Absurdität und Grimmigkeit, die an Elfriede Jelineks frühe Auseinandersetzung mit der „Infantilgesellschaft“ denken lässt. Nur sieben Schriftsteller waren zu den Lesungen favorisierter Texte eingeladen, die der Verleihung des Alfred-Döblin-Preises traditionell vorausgehen. Aufgrund niedriger Zinserträge für das Stiftungskapital schrumpften die Mittel, weshalb diesmal auch kein Förderpreis vergeben wurde.

Wolfgang Hegewald präsentierte nach längerer Pause tagebuchartige Aufzeichnungen aus dem Jahr 2000, die zwischen Wochenendfeuilleton und erzählerischer Selbstschöpfung durch Beobachtung schwankten. Ein verqueres schwäbisches „Wintermärchen“ (Udo Oskar Rabsch) über die deutsche Kollektivschuld verirrte sich in die illustre Runde und ward viel gescholten, während sich Marion Poschmanns ideell und ästhetisch anspruchsvolles Projekt „Schwarzweißroman“ den Reizen der heimischen Provinz konsequent entzieht. Poschmann lässt ihre Heldin in die Arbeiterstadt Magnitogorsk am Ural fliegen, wo sie einer Symphonie östlicher Grautöne erliegt. Gegen die literarische Allzweckwaffe Ironie setzt die 34-jährige Trägerin des Leonce-und-Lena-Förderpreises das Erhabene: selten genug.

In den Romanen der in Berlin lebenden Schweizerin Judith Arlt und der Österreicherin Sabine Scholl verschlägt es die Heldinnen gleichfalls in die weite Welt. Arlt verwebt in „Zu Fuß auf den Haleakala“ den Lebensfaden einer heutigen polnischstämmigen Pariserin mit dem der Schweizer Weltreisenden Lina Bögli, deren Erdumrundung aus Liebeskummer in Krakau ihren Anfang nahm. Die Identitätssuche von Sabine Scholls „Phantomen“, Emigrantinnen im amerikanischen Exil, schlägt sich in einer Hektik der Diktion nieder, die an Hysterie grenzt. Sie sind aus ihren Biographien getreten worden. Das Fremde spiegelt aus den Geschichten der vier Frauen zurück, Ratlosigkeit hinterlassend. Nicht nur Günter Grass zeigte sich angetan von Sabine Scholls avanciertem Versuch, die lang tabuisierten gemischten Gefühle der Exilanten in Worte zu fassen.

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