Kultur : Im Windschatten

Der Eiserne Kanzler und seine Kinder: Jochen Thies hat eine Familiengeschichte der Bismarcks geschrieben.

Hannes Schwenger

Ist es leise Ironie oder meint Jochen Thies den Untertitel seiner Familiengeschichte der Bismarcks ( „eine deutsche Dynastie“) ernst? Das Wort ist eigentlich Herrscherhäusern vorbehalten. Doch steht nicht auf Otto von Bismarcks Grabstein nach seinem Wunsch: „Ein treuer deutscher Diener Wilhelms I.“? Das war er allemal, auch wenn sein Kaiser gelegentlich seufzte, es sei nicht einfach, unter Bismarck Kaiser zu sein.

Ihren Adelstitel führten die Bismarcks zwar schon seit dem 15. Jahrhundert, aber selbst Thies muss einräumen, dass sie in den folgenden Jahrhunderten „quasi im Windschatten der Geschichte“ verharrten und vor allem als Militärs vielen Herren dienten. Fürst wurde Otto von Bismarck erst von seines Kaisers Gnaden, was ihn nicht hinderte, mit einem Seitenhieb auf dessen ihm feindlich gesonnenen Sohn Wilhelm II. zu bemerken, dass seine Familie „nicht schlechter als die schwäbische Familie der Hohenzollern“ sei. Dass schließlich beide Familien auch Adolf Hitler dienstbar waren – der Kaisersohn und Enkel Wilhelms I., August Wilhelm, als SA-Mann und alle drei Enkel als Mitglieder der Nazipartei, die sich erst spät besannen –, gibt ihm nachträglich recht.

Thies interessiert sich in seiner Familienbiografie der Bismarcks neben dem hinreichend bekannten „Eisernen Kanzler“ vor allem für die Kinder und Kindeskinder Otto von Bismarcks. Deren Lebensgang sagt für ihn exemplarisch „etwas über das Verhalten von Eliten in Normal- und Krisenzeiten aus, über die Steuerbarkeit und Modernisierungsfähigkeit einer Gesellschaft. Und sie steht für sich. Die Deutschen haben Anspruch darauf, dass diese Geschichte endlich erzählt wird.“ Sie sei nämlich „bis zum heutigen Tag nicht bekannt. Das verblüfft“.

Dabei waren sie nahezu alle durchaus öffentliche Personen. Bismarcks Söhne Herbert und Wilhelm („Bill“) waren beide Reichstagsabgeordnete, der 1901 früh verstorbene Bill Regierungspräsident in Hannover und Oberpräsident in Ostpreußen, sein älterer Bruder und engster Vertrauter des Vaters Staatssekretär und Minister des „99-Tage-Kaisers“ Friedrich III. Er galt, bevor er, in dem Amt wenig glücklich, mit 40 Jahren den Dienst quittierte, als möglicher Außenminister oder gar Reichskanzler wie sein Vater. Sein Privatleben – er trank – war seine dunkle Seite, doch als rechte Hand seines Vaters und Diplomat war er vor allem in England hoch angesehen. Man kann wie Thies durchaus spekulieren, dass er als Außenminister oder Kanzler den von seinem Vater befürchteten, von Wilhelm II. verschuldeten Bruch mit England vermieden hätte.

Während er in London auch seinen anfänglichen Antisemitismus abgelegt habe, sei sein ältester Sohn Otto – 1936 für kurze Zeit Botschafter in London – dort zunächst als des „Teufels Diplomat“ aufgetreten, der die Verfolgung der Juden verteidigte. Allerdings bemühte er sich auch erfolgreich um die Freilassung (aus dem KZ) und Ausreise Ernst Reuters nach England, bevor er selbst nach Berlin zurückgerufen wurde. Hitler misstraute ihm, zumal nachdem er als Gesandter in Rom beim italienischen Außenminister Graf Ciano Kritik am „Führer“ durchblicken ließ. Er widersetzte sich einer Weisung aus Berlin, die Auslieferung in Italien internierter kroatischer Juden zu verlangen. 1943 wurde er in den Ruhestand versetzt und deswegen 1949 als unbelastet entnazifiziert. In der jungen Bundesrepublik gelang ihm eine zweite Karriere in der CDU, er machte sich sogar Hoffnungen auf das Außenamt. 1953 empfing er den Kanzler Konrad Adenauer auf dem Familiensitz Friedrichsruh, der dann 1955 allerdings Heinrich von Brentano vorzog.

Schlimmer büßte sein Bruder Gottfried seine Mitgliedschaft in NSDAP und SS und als Freund Heinrich Himmlers. Als Mitwisser der Verschwörung gegen Hitler wurde er 1944 verhaftet, unter Folter verhört und aus der SS ausgeschlossen. Vermutlich auf Fürsprache Papens freigesprochen, kam er als persönlicher Gefangener Hitlers ins KZ Sachsenhausen, von dort nach Flossenbürg und Buchenwald. Zuletzt „auf wundersame Weise der KZ-Haft entkommen“ (Thies), erlebte er das Kriegsende als freier Mann, aber nach Verlust seines Anwesens Reinfeld mittellos und auf eine Schenkung seines Bruders Otto angewiesen. Er starb, als „minderbelastet“ eingestuft, aber schwer durch Reue und Selbstvorwürfe belastet, schon 1949.

Der dritte Bruder Albrecht war ebenfalls 1933 der Nazipartei beigetreten und hatte sich Hoffnung gemacht, Karriere in Rom zu machen. Stattdessen betätigte er sich als Antiquitätenhändler und Playboy, der sich nach seinem kurzem Gastspiel bei der Wehrmacht 1944 in die Schweiz absetzen konnte. Seine britische Freundin verschaffte ihm einen Vatikan- Pass und heiratete ihn 1953 nach dem Tod ihres Mannes als Erbin eines Millionenvermögens.

Der „einzige Mann in der Familie“ (so britische Freunde) soll Bismarcks Enkelin Hannah, die Schwester der drei, gewesen sein. Mit ihrem Mann Leopold von Bredow hatte sie acht Kinder, fünf Mädchen und drei Jungen. Beide Eheleute waren von Anfang an Gegner Hitlers, über den Hannah im Juni 1933 notierte: „In fünf Jahren macht der Bursche Krieg.“ Es dauerte nur ein Jahr länger. Ihre jüngste Tochter Philippa war mit einem der Offiziere des 20. Juli befreundet und wusste vorher von dem Attentat. Während Hannah mit den drei jüngsten Kindern in die Schweiz ausweichen konnte, wurden ihre Berliner Töchter in Sippenhaft genommen. Als sie im November 1944 zurückkehrte, wurden zwei von ihnen freigelassen, sie selbst verhört. Philippa kam im letzten Moment, Ende März 1945 frei, nachdem der polizeiliche Sachbearbeiter die Akten ihres Falles zu ihren Gunsten „stumpf gemacht“ hatte. Wieder einmal war Hannahs Tagebucheintrag korrekt: „Im Mai oder Juni sind die Russen in Berlin, die Westmächte ebenfalls.“

Ein letzter Seitenblick der Familienbiografie gilt der jüngsten Generation der Bismarcks, als deren Familienoberhaupt der 83-jährige Ferdinand von Bismarck, Ottos ältester Sohn, fungiert. Der 4. Fürst Bismarck ist Jurist und war einige Jahre für die EWG-Kommission in Brüssel tätig. Er verwaltet das umfangreiche – aber, wie vermutet wird, schrumpfende – Familienvermögen. Von seinen vier Kindern leben zwei in Amerika, ein Sohn ist verstorben, der letzte bereitet sich auf die Nachfolge als Familienoberhaupt vor. Eine Familienstiftung verwaltet die Nachlässe der Bismarcks. Die tun sich nach der Meinung des Autors „anscheinend schwer, einen geeigneten Standort in der deutschen Gesellschaft und Öffentlichkeit zu finden“. Mit einer Ausnahme: Hannahs Sohn Leopold Bill von Bredow, der unter Richard von Weizsäcker und noch einmal nach der Wiedervereinigung Protokollchef des Berliner Senats war. Menschen wie er lassen Jochen Thies glauben, Adelstradition und Adelsfamilien seien noch immer „unverzichtbar für ein Land, das schwache, unterentwickelte Traditionen hat, besonders in der Außenpolitik“.

Kein Geringerer als ein äthiopischer Prinz in Deutschland – der Schriftsteller Asfa-Wossen Asserate – hat allerdings kürzlich an ein Wort Bismarcks erinnert, das auch und besonders in der Innenpolitik gilt: „Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Allgemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Civilcourage fehlt.“









– Jochen Thies:

Die Bismarcks.

Eine deutsche Dynastie. Piper Verlag, München 2013. 428 Seiten, 22,99 Euro.

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