Kultur : Im Zeichen der Ziege

Zum Tod des großen amerikanischen Künstlers Robert Rauschenberg

Christina Tilmann

Gerade erst am vergangenen Freitag ist im Münchner Haus der Kunst eine Ausstellung mit Werken aus den Jahren 1970 bis 1976 eröffnet worden. Im Sommer 2007 waren jüngere Arbeiten in der Berliner Galerie Michael Schultz zu sehen gewesen. Dass Robert Rauschenberg seit einem Schlaganfall 2002 halbseitig gelähmt war und im Rollstuhl saß, war bekannt. Die Nachricht, dass er nun am späten Montag Abend in seinem Haus in Florida mit 82 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben ist, ist dennoch ein Schock: Zu präsent war sein Werk – nicht zuletzt in Berlin, wo die Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof bedeutende Rauschenberg-Werke zeigt. Zu präsent war auch der Künstler selbst, der bei einem Glas Wein doch immer bereit war, über sein Leben und seine Kunst zu sprechen – zuletzt 2006 in einem großen Interview in der „Zeit“.

Ein unverwüstlicher Optimist, ein begeisterter Sammler, ein unermüdlicher Welt- und Gedankenreisender, ein Reporter im Dienste der Kunst: Robert Rauschenberg war Legende, zu Lebzeiten. Und ein schönes Beispiel dafür, dass Kunst sich immer wieder neu erfindet, in Anlehnung an zuvor Dagewesenes. Die Nutzung von Alltagsgegenständen als Kunstmaterial, die Veredelung von Sperrmüll und ausgestopften Tieren, Pappkartons, Tennisbällen und Autoreifen zu vollgültigem Werkmaterial teilte Rauschenberg mit Künstlern wie Kurt Schwitters, Pablo Picasso oder Andy Warhol – nur dass für ihn diese Art des Kunstschaffens eine Möglichkeit der idealistischen Welterkenntnis war: „Ich will nicht, dass ein Bild wie etwas aussieht, das es nicht ist“, hat er einmal gesagt. „Und ich bin der Meinung, dass ein Bild wirklicher ist, wenn es aus Teilen der wirklichen Welt gemacht ist“.

Zur Methode erhoben hat er diese Art der Collage ab 1954 mit seinen berühmten „Combine Paintings“: dreidimensionale Assemblagen aus Bildern, Photografien und alltäglichen Fundobjekten, die mit Farbe bespritzt sind. Für sein bekanntestes Werk, „Monogram“, stopfte er eine Ziege aus, bemalte sie mit Farbe und umschlang sie mit einem Autoreifen. Für „Bed“ übermalte er seine Bettdecke und hängte sie an die Wand. Als das Bild 1958 bei seiner ersten Ausstellung in der Leo Castelli Gallery gezeigt wurde, gab es einen Skandal.

Der Sammeltrieb mag aus seiner Kindheit stammen, als Rauschenberg nach eigenen Aussagen zum „Müllmenschen“ wurde: „Es gibt ein Foto von mir, da bin ich acht und stehe irgendwo hinter unserem Haus, das eher eine Hütte war. Überall Müll, überall Stoffreste meiner Mutter. Und irgendwie stimmt es wohl, dass ich schon damals zum Müllmenschen wurde. Ich hatte viele kleine Schachteln, in denen ich meine Funde sammelte. Käfer zum Beispiel, die versteckte ich hinter dem Haus“, erzählte er 2006. Vieles in seinen Arbeiten, die Collagetechnik wie das Interesse an ausgestopften Tieren, erklärt sich wohl daher.

Doch Kunst war damals noch keine Option. Rauschenberg wuchs im texanischen Port Arthur auf, als Kind einer amerikanischen Mittelklassefamilie, die für Kunst weniger übrig hatte als für Religion. Sein Vater, ein Ölarbeiter, war eher befremdet als begeistert, als Rauschenberg mit zehn Jahren Mickey Mäuse auf Papier und Lilien auf die Tapete seines Kinderzimmers malte. Noch vor wenigen Jahren habe seine Mutter frühe Werke von ihm als Dämmmaterial benutzt, um ihr Haus gegen einen Hurrikan zu schützen, erzählte Rauschenberg immer wieder gern. Eine Art von Materialverarbeitung, die ihm eigentlich gefallen haben müsste. Und doch ein Milieu, in dem man nicht unbedingt zum Künstler wird – aber wenn, dann zu einem großen.

Der Weg zu einem der bedeutendsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte über Umwege. Zunächst studierte Rauschenberg auf Wunsch des Vaters Pharmazie, ein Studium, das er aus Protest gegen Tierversuche wieder abbrach. 1942 wurde er in die US-Marine eingezogen, wo er den Dienst an der Waffe verweigerte und stattdessen als Techniker in neuropsychiatrischen Krankenhausabteilungen arbeitete. Erst nach dem Krieg kam die Freiheit: Ein Jahr am Kansas City Art Institute, das er finanzierte, indem er als Schaufensterdekorateur arbeitete, danach ein Jahr in Paris. Entscheidend waren die Studienjahre am legendären Black Mountain College in North Carolina. Hier studierte Rauschenberg bei Josef Albers und Willem de Kooning, hier lernte er Cy Twombly, Jasper Johns, den Musiker John Cage sowie den Choreographen Merce Cunningham kennen: Freunde und Kollegen, die ihn den Rest seines Lebens begleiten sollten.

Die 50er Jahre: Das waren in den USA die Jahre des Abstrakten Expressionismus, mit dem Amerika seine Vormacht gegenüber der europäischen Kunst begründete. Rauschenberg jedoch wahrte von Anfang an Distanz: Seine „Weißen Bilder“ von 1951, auf denen erst die Betrachter mittels ihrer Schatten Silhouetten schufen, seine „Schwarzen Bilder“, die die Grenzen des Noch-Malbaren ausloten, sind ironische Kommentare zur vorangehenden Künstlergeneration. Eine Arbeit des zwanzig Jahre älteren Willem de Kooning radierte er – mit dessen Zustimmung – 1953 komplett aus und nannte das entstandene Werk „Erased De Kooning“.

Glückliche Zeiten des Aufbruchs: Mit seinen „Combine Paintings“ wurde Rauschenberg zu einem der Gründungsväter der Pop Art. Mit seinen Freunden Jasper Johns und Cy Twombly reiste er durch Europa und Nordafrika, etablierte in den Badeorten von Long Island eine Bohemeszene, feierte legendäre Künstlerfeste in New York. Später interessierte er sich für das Zusammenspiel zwischen Technik und Kunst, gründete 1966 mit dem Wissenschaftler Billy Klüver die Gruppe „Experiments in Art and Technology“. Mit Ingenieuren schuf er Werke wie „Mud Muse (1968-1971)“: Schlamm in einem Becken, der bei Geräuschen anfängt zu brodeln. Ende der 80er Jahre schließlich wandte er fast sein gesamtes Privatvermögen für das von ihm initiierte internationale Kulturaustauschprogramm „ROCI“ (Rauschenberg Overseas Culture Interchange) auf. Angeregt durch eine China-Reise beschloss er 1985, eine Weltreise durch 10 Länder zu unternehmen. Die in Chile, Kuba, Deutschland, Indien, Russland, Tibet, Malaysia und Mexiko entstandenen Arbeiten präsentierte er anschließend auf einer Welttournee. Endstation war Washington mit einer großen Retrospektive im Jahre 1991.

In den letzten Jahren sind Rauschenbergs Arbeiten subtiler geworden. Drucktechniken, Spiegelungen, gebürstetes Aluminium und leuchtende Farben sind an die Stelle von Schrott und Pappe getreten. Doch sein Interesse am Alltag ist geblieben. Als er einmal gefragt wurde, wovor er sich am meisten fürchte, hat Robert Rauschenberg geantwortet: „Dass mir die Welt ausgehen könnte.“ Die Phantasie ist ihm nie ausgegangen.

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