Kultur : Im Zentrum des Kraters

KERSTIN DECKER

Wie geht ein Dichter, wenn es Zeit ist? Laut oder ganz still? Vielleicht ist es leichter, wenn die eigene Auflösung mit einer größeren einhergeht.So ein Bürgerkrieg ist gar nicht schlecht dafür.Man trägt es jetzt besser, mit diesem Grimm, dieser allerletzten Heiterkeit, die schon eine des Endes ist.

Ein Film muß das nicht aussprechen.Er braucht es nur zu zeigen.Das ist schwerer und leichter zugleich.Am Anfang sehen wir einen Friedhof.Und einen Mann, aufgehängt an einem Baum.Nun gut, denkt man, das spielt im früheren Jugoslawien, in Sarajewo gar, da bringt man die Leute halt noch auf Friedhöfen um.Aber dieser Erhängte sieht seltsam untot aus.Was ist ein Dichter? Einer, der selbst im Tode seinen Frieden mit der Welt nicht machen kann?

Zwei Kinder wachen morgens von den Schüssen auf.Man gewöhnt sich an jede Art, geweckt zu werden.Bei dieser muß man ganz schnell unterm Bett sein.Die Kinder wissen das.Und man darf sich nachher nicht umschauen, die Toten nicht anblicken.Das Glück der Kinder ist, daß Erwachsene sie so oft übersehen.Sogar die Serben und die Tschetniks.Adis und Kerim, sieben und neun Jahre alt, laufen jetzt immer geradeaus.Wer das tut, kommt irgendwann vor das Haus des Dichters.Hamza, der alte Mann, hat vergessen, es zu verschließen.Wozu auch? Frau und Tochter sind fort, in Deutschland, wo es sicherer ist.Kein Ort für Dichter.

Dieser Film könnte ebensogut "Die Ewigkeit und ein Tag" heißen.Wie bei Angelopoulos: ein alter Mann, Schriftsteller, vor der Summe seines Lebens.Oder soll man von Werk reden? Und plötzlich hat er zwei Kinder und Fragen von entwürdigender Alltäglichkeit wie: Was essen kleine Jungs? Wo wohnt Adims und Kerims Tante? Aber "Der perfekte Kreis" könnte doch nicht von Angelopoulos sein.Denn alles, was dort metaphernschwer sich über den Film senkt, hat hier aberwitzig Leben.Symbole gibt es auch, sogar Verse, das ist bei allen Dichtern so, aber sie scheinen wie aus dem Augenblick zu wachsen.Die beiden Kinder, Almedin Leleta und Almir Podgorica kommen aus Bergdörfern, fern von Sarajewo.Sie hatten noch nie zuvor einen Film gesehen.Also fingen sie gar nicht erst an zu spielen, lebten vor der Kamera einfach weiter.

Kinder im Krieg sind genau wie Kinder im Frieden, vielleicht ein ganz klein wenig anders: "Hast du schon mal Tschetniks gesehen? Die haben keinen Kopf!" Kinder im Krieg werden auch wie andere Kinder getröstet, fast genauso: "Hab keine Angst, wenn du träumst.Die Wirklichkeit ist am schlimmsten."

Das Drehbuch schrieb Regisseur Ademir Kenovic zusammen mit Abdulah Sidran, von Beruf Dichter, der schon für Emir Kusturica arbeitete ("Do you remember Dolly Bell", "Papa ist auf Dienstreise").Die beiden schlossen sich vier Monate lang im "Holiday Inn" ein, das damals schon aussah "wie ein Emmentaler".Es war, sagt Sidran, als würde man eine Vulkanexplosion aus dem Zentrum des Kraters heraus beschreiben.Surreal.Ein Kriegsfilm ist auch "Der perfekte Kreis" nicht geworden.Er hat etwas von der träumerischen Sicherheit aus Aberwitz und Perfektion, mit denen Kusturica seine Parabeln baut, und man spürt immer erst hinterher, daß man ihren scheinbar so nahen Grund nie erreichen wird.

"Der perfekte Kreis" entwirft unmerklich seine eigene Ikonographie.Da ist der angeschossene Hund, dem die Kinder einen Hunde-Rollstuhl bauen, Traumsequenzen, die man erst im letzten Augenblick als solche erkennt und immer wieder der erhängte Dichter.Denn eigentlich, das weiß Hamza genau (sieht fast aus wie Bruno Ganz bei Angelopoulos: Mustafa Nadarevic), ist er schon längst tot.Nur daß dann jedesmal wieder seine Frau vor ihm steht und sagt: "Hör doch endlich auf mit dem Theater!" Da ist Hamza wieder wach und ihm fällt ein, daß seine Frau längst in Deutschland ist.Man könnte sich jetzt zumindest mit Würde das Leben nehmen.Vielleicht sollte ein Dichter gar keine Frau haben? Insofern ist so ein Krieg auch wieder ein Glücksfall.

In Berlin im fsk am Oranienplatz (OmU)

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