Kultur : Im Zentrum des Sturms

KATRIN BETTINA MÜLLER

Die Assoziationen überschlagen sich.Ein Film läuft ab.Hier hat jemand nicht nur sein Atelier auseinandergenommen, sondern die Kunstgeschichte gleich dazu.Dekonstruktivismus live kann man in den Atelierfotos von Lois Renner entdecken.

Ein Künstler darf, was andere nicht dürfen: die Unordnung genießen."Produktives Chaos" nennt man dieses Klischee einer Kreativität, die sich im Verstoß gegen bürgerliche Normen Bahn bricht.Ins Zentrum dieses Wirbelsturms führt uns der Wiener Künstler.Nichts scheint hier jemals fertig zu werden.Skulpturfragmente durchstoßen die Decke.Leitern, Keilrahmen, abmontierte Gitter, Staffeleien und Bretter haben sich undurchschaubar verkeilt.Drehstühle, Feuerlöscher, Farbeimer und Briefwaagen treiben durch dies Universum.Was vorne im Bild wie die Palette aussieht, auf der die Farben gemischt werden, bildet weiter hinten den Fußboden.Malspuren greifen über auf Wand, Boden, Decke.

Was heißt überhaupt Wand und Decke? Der Blick, der sich vorsichtig vorwärts tastet, entdeckt Abgründe, Risse, Höhenunterschiede.Dies Atelier ist gar kein abgeschlossener Raum: Erst allmählich wird man sich bewußt, in ein fragmentarisches Modell zu blicken.Lois Renner komponiert seine Bilder aus Gegenständen.Sie sind zum Platzen vollgestopft mit Requisiten der Malerei.Wie der akademische Maler des 19.Jahrhunderts arrangiert er im Atelier eine künstliche Welt, die als vermeintliche Wirklichkeit abgebildet wird.Doch die Inszenierung gibt sich zu erkennen; die Werkzeuge der Illusionserzeugung werden vorgeführt, die Mittel der Kunst werden zum Inhalt ihrer Erzählung.So kommentiert Renner nicht nur die Entwicklung von Malerei und Skulptur, sondern transformiert sie zugleich.Für einen Moment könnte man glauben, die Installation sei das Medium, in dem er die früheren Gattungen auflöst, zusammenbringt und in den Raum überführt.Aber auch diese Kunstform wird im Modell wie ein Raum der Vergangenheit durchquert.

Renner fotografiert sein Ateliermodell, das sich ursprünglich auf eine Dachkammer im Haus seiner Eltern bezog, mit einer Plattenkamera.Die Genauigkeit, mit der er Details nachbaut, hat etwas Verblüffendes in ihrer illusionistischen Perfektion.Jeder Entwurf wird nur einmal realisiert, als Cibachrome vergrößert und auf Plexiglasplatten kaschiert.Kleinste Verschiebungen des Materials, Perspektivwechsel und ein Weitermalen unterscheiden die einzelnen Phasen, die letztlich jedes Bild als Teil einer anhaltenden Metamorphose auszeichnen.

So folgt die Welthaltigkeit seiner Bilder einer doppelten Dynamik: Einerseits schrumpft das Leben in ihnen zusammen, reduziert sich auf Kunst über Kunst.Doch weil Renner andererseits diesen beharrlichen Blick auf die Produktionsbedingungen der Kunst wie ein Theaterstück auf einer Bühne vorführt, weckt er auch das Gespür für das Publikum auf der anderen Seite des Vorhangs.Dort, wo die Bilder unscharf werden, beginnt die nächste Ebene der Erzählung.

Galerie Puttkamer, Auguststraße 22, bis 11.Juli; Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Sonnabend 12-17 Uhr.

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