Kultur : Im Zug der Schlafenden

Odyssee nach Friedenau: eine Berlin-Erzählung des kolumbianischen Schriftstellers Memo Anjel

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In derselben kühlen, feuchten Nacht, in der mich eine magere Frau mit einem grünen Regenschirm, die ich an einem Fußgängerüberweg angesprochen hatte, entgeistert anstarrte, den Mund aufmachte, als ob sie schreien wollte, und dann schnell über die Straße ging, obwohl die Ampel auf Rot stand, hatte ich zwei denkwürdige Erlebnisse. Das eine war das köstliche Abendessen, zu dem mich mein Freund Jürgen eingeladen hatte: Lammbraten in Kräutermarinade, griechischer Salat und ein guter Rioja. Dazu gab es – mir zu Ehren – sephardische Musik. Die Unheil verheißenden Augen der Frau hatten sich also geirrt. Dabei hatte ich sie nur nach der Sophie-Charlotte-Straße gefragt, derselben Straße, in der wir, wie ich bald herausfand, gestanden hatten.

Das andere Erlebnis begann nach dem Abendessen, auf dem Heimweg. Es war schon fast Mitternacht, und es regnete. Ich beeilte mich, zum Bahnhof Westend zu kommen, und sprang, auf dem Bahnsteig angelangt, schnell in die Ringbahn, die gerade abfahren wollte. Beim nächsten Halt merkte ich, dass ich in die falsche Richtung fuhr, nach Norden statt nach Süden. Ich stieg also aus und musste am gegenüberliegenden Gleis ewig warten. Außer mir war kein Mensch auf dem Bahnsteig. Nach Mitternacht scheinen die S-Bahnhöfe größer zu sein, und die Stahlträger sind erdrückend. Ich war hundemüde. Endlich kam die Bahn. Ich wählte aus Sicherheitsgründen den Wagen, in dem die meisten Leute saßen. Das Merkwürdige war, dass in dem Wagen alle Fahrgäste schliefen. Alle ohne Ausnahme. Als der Zug anfuhr, machte eine Frau kurz das linke Auge auf, und ein Mann räkelte sich unter einer russischen Zeitung, die er über sich gebreitet hatte.

Im Bahnhof Halensee stiegen neue Fahrgäste zu. Alle bewegten sich wie Schlafwandler und setzten sich hin, ohne die Augen zu öffnen. Die Frau, die das linke Auge aufgemacht hatte, machte nun das rechte auf, wie um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war, und der Mann unter der Zeitung brummelte etwas, das ich nicht verstand. Am Innsbrucker Platz stiegen noch mehr Schlafgäste ein, darunter eine Frau, die ein schwarzes Kind stillte; sie wollte sich nicht setzen, sondern blieb stehen. In Schöneberg, wo ich umsteigen musste, kam ich kaum raus. Die Schlafenden versperrten mir den Weg. Ich musste mir mit den Ellbogen einen Weg bahnen, doch von meinen Püffen wurde keiner wach. Von draußen sah ich die Frau, die wie eine Eule abwechselnd ein Auge aufmachte. Sie hatte beide Augen geschlossen und lächelte. Den Mann unter der Zeitung konnte ich nicht sehen.

Ich lief schnell die Treppe hinunter, um die S1 nach Friedenau nicht zu verpassen. Der Bahnsteig war kalt, dreckig und leer. Ich zündete mir eine Zigarette an. Nach und nach bekam ich Gesellschaft, Männer und Frauen, die auch auf den letzten Zug nach Süden warteten und zu meiner Erleichterung wach waren. Ich stellte mir vor, dass der vorherige Zug, der mit den schlafenden Fahrgästen, ein Sozialdienst der Stadt war für Leute, die sonst keinen Ort hatten, wo sie die Nacht verbringen konnten.

Als ich endlich in Friedenau ankam und in die Straße einbog, in der ich wohne, blieb mir die Spucke weg. Ich sah eine lange Schlange schlafender Menschen vor meinem Haus stehen, darunter die Frau mit dem schwarzen Kind an der Brust, die Frau mit den Eulenaugen und der Mann mit der russischen Zeitung. Ich ging an allen vorbei bis zur Haustür. Da stand als erste, mit ihrem grünen Regenschirm, die magere Frau, die mir den Weg nicht hatte sagen wollen. Hinter ihr mein Freund Jürgen, eine dicke Einkaufstüte in jedem Arm. „Was ist hier los?“, fragte ich ihn. Statt einer Antwort gab er ein dumpfes Schnarchen von sich. Dann ging ich zu der Frau mit den Eulenaugen und stellte die gleiche Frage. Sie lächelte mich an. „Sie müssen sich hinten anstellen“, sagte die Frau mit dem grünen Regenschirm. „Und wer macht die Tür auf?“, erkundigte ich mich. „Keiner. Wir stehen gerne hier.“

Also ging ich zurück, verbrachte die Nacht auf einem Treppenabsatz im Bahnhof Friedenau und träumte – oder war es wirklich so? –, dass wir wieder in den Schlafzug eingestiegen waren und in einer endlosen Schleife durch die Stadt fuhren. Der Wagen, in dem ich saß, war angenehm warm und nicht sehr voll, so dass ich mich auf meiner Bank ausstrecken konnte. Die einzige, die sich nicht hinsetzte, war die Frau mit dem schwarzen Säugling. Die Frau, die mir den Weg nicht hatte sagen wollen, rannte die ganze Nacht hinter dem Zug her. Der Regen hatte ihren Schirm zerfetzt.

Der kolumbianische Schriftsteller („Das meschuggene Jahr“), 1954 in Medellin geboren, verbringt gerade ein Jahr als DAAD-Stipendiat in Berlin. Er liest mit vier weiteren Erzählern seines Landes am heutigen Dienstag um 19.30 Uhr im Instituto Cervantes, Rosenstraße 18/19, Mitte – darunter auch diesen, von Peter Schultze-Kraft übersetzten Text.

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