Kultur : Im Zweifel für die Story

Rudolf Augstein war ein Klassiker des Journalismus. Wer sind seine geistigen Enkel?

Harald Martenstein

Kontrolle. So hieß eines der Zauberworte, als die Deutschen nach dem Krieg ihre Demokratie aufbauten. Die Siegermächte kontrollierten die Deutschen – man wusste ja nicht, ob man ihren Unterwerfungsgesten wirklich trauen konnte. Und die Deutschen trauten sich selber auch nicht so ganz. Demokratie, das heißt eben Kontrolle. Die Macht steht unter Beobachtung. Die Macht hat Grenzen. Sie ist nie so mächtig, wie sie es gerne wäre.

Rudolf Augstein war der große Kontrolleur.

Demokratie bedeutete eben mehr als der Satz: Alle vier Jahre sind Wahlen. Demokratie bedeutet, dass die Regierung ständig unter Beobachtung steht. Die Deutschen hatten nicht viel Erfahrung mit Demokratie. Aber es gab ja Leute wie Augstein. Oder wie Henri Nannen. Diese Leute waren Lehrmeister der Demokratie, weil sie scheinbar Ungeheuerliches taten. Sie hatten keinen Respekt. Sie quälten, sie schnüffelten, sie prangerten an und zerrten ans Licht und deuteten auf jeden Schmutzfleck. Sie entzauberten die Macht. Sie führten praktisch vor, was Demokratie bedeutet: entzauberte Macht.

Rudolf Augstein war der große Pfadfinder.

Der Pfad wurde breiter und breiter. Irgendwann wurde eine Straße gebaut. Das heißt: Die Deutschen lernten, was Rudolf Augstein und andere ihnen beibrachten. Auf die Entzauberung der Macht in der „Spiegel“-Affäre folgte die noch viel größere Entzauberung in der 68er Revolte. Bald darauf wurde zum ersten Mal seit 1933 ein regierender Kanzler abgewählt und das scheinbar für die Ewigkeit gebaute Parteienkartell aus CDU, CSU, FDP, SPD wurde durch den Aufstieg der Grünen gesprengt. Wie respektlos man plötzlich war in Deutschland! Wie selbstverständlich die Demokratie auf einmal war! Es entstand ein Lebensgefühl, dem noch im Jahre 2002 Gerhard Schröder seine Wiederwahl verdankt.

Rudolf Augstein hatte gesiegt. Besser gesagt: das, wofür er und ein paar andere Leute standen. Augstein nannte seine Haltung „liberal“ oder „im Zweifel links“. Er war in Wirklichkeit durchaus ein bisschen deutschnational, aber man musste in Deutschland „im Zweifel links“ sagen, damit die Leute auch wirklich verstehen, dass man „bedingungslos demokratisch“ meint.

Der Sieg jedoch hat oft ein Janusgesicht. Die gnadenlose Recherche, das Herumschnüffeln und Enthüllen, Anprangern und Absägen, das alles gehört heute mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zum Medienalltag. Das wird auch immer gebraucht werden. Aber es hat sich doch etwas verändert, durch die Tatsache, dass mittlerweile an der Stelle, wo Rudolf Augstein einst Pfadfinder war, eine breite Straße verläuft.

Wer heute einen alten „Spiegel“ in die Hand nimmt, spürt bald, wie altmodisch ein alter „Spiegel“ heute wirkt. Dieser selbstgefällige, manchmal hämische, manchmal witzelnde Ton! Die Tatsache, dass es keine Autorennamen gibt und alles gleich klingt. Die Artikel marschieren ja wie eine Kompanie in die Schlacht, alle in Uniform. An allem zweifelt der „Spiegel“, hat Enzensberger einmal geschrieben, nur an sich selber nie.

Augsteins alter „Spiegel“ hat gekämpft und gesiegt, und nach dem Sieg war die Welt eben anders geworden, auch seine eigene Funktion hatte sich zu einem Teil erledigt. Der Journalismus klingt heute anders, auch im „Spiegel“ selbst – im Großen und Ganzen spielerischer, subjektivistischer, nicht immer so sicher in den Fragen von Gut und Böse, witziger, verbitterungsfreier, ungenauer, unverbindlicher. Er zweifelt auch an sich selber. So wie die ganze Gesellschaft.

Vor nicht allzu langer Zeit, als die „Berliner Seiten“ der FAZ abgeschafft wurden und das Magazin der „Süddeutschen“ mal wieder zu wackeln schien, wurde in Deutschland über das „Ende des Popjournalismus“ gesprochen. „Popjournalismus“ war kein gutes Wort. Das, worum es geht, ist einfach neuer Journalismus – ein paar Ideen, die aus dem angloamerikanischen Ausland nach Deutschland importiert wurden, so wie einst die Idee des „Spiegel“. Diese Ideen sind keineswegs am Ende, sondern verbreiteten sich wie ein Virus. Wenn ein Magazin stirbt, wandert der Virus eben weiter. Dieser neue Journalismus inszeniert die Wirklichkeit wie ein Regisseur sein Stück, er ignoriert die Grenzen zwischen Literatur und Reportage, zwischen Boulevard und seriöser Presse. Es ist Konzeptkunst, das Spielerische ins Extrem getrieben, eine Art journalistisches Rokoko. Die Existenzberechtigung dieser Art von Journalismus ist der Geschmack des Publikums. Viele Leute mögen das, vor allem jüngere und intelligente.

Was hat der Popjournalismus mit Rudolf Augstein zu tun? Einerseits ist er das exakte Gegenteil dessen, wofür Augstein sein Leben lang stand. Der Popjournalist kämpft nicht, er kann mit dem Begriff „Wahrheit“ nicht viel anfangen, er recherchiert nicht gerne und weiß nicht genau, was auf längere Sicht für die Menschheit wichtiger ist, der Ausgang einer Bundestagswahl oder ein neuer Roman von Nick Hornby.

Andererseits war es Rudolf Augstein, der den Pfad angelegt hat, der heute sogar zum Popjournalismus führt. Popjournalismus kann es nur geben unter den Bedingungen einer als selbstverständlich empfundenen Demokratie und einer als selbstverständlich empfundenen Pressefreiheit. Und eine „Spiegel“-Story war eben immer auch eine Geschichte, im engsten Sinn des Wortes. Sie hatte fast immer einen Helden und einen Schurken. Auch der alte „Spiegel“ hat versucht, die Wirklichkeit in eine Art Literatur zu verwandeln.

Rudolf Augstein war der große Geschichtenerzähler.

Augstein saß im Knast für das Recht und die Wahrheit, unter anderem deshalb kann heute fast jedes Spiel gespielt werden, und niemand hat Angst dabei. Die Macht ist unter Kontrolle. Aber das gilt immer nur mit dem Zusatz: vorläufig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar