Kultur : Im Zwielicht aller möglichen Geschichten

Ein Knecht des Augenblicks: Adolf Muschg erzählt in „Gehen kann ich allein“ von Liebe und ihrer Nähe zum Tod

Nico Bleutge

Die Dinge wollen keine Zeugen, für den Anfang jedenfalls. Also muss es gelingen, sich langsam in ihr Leben einzuschleichen und nach und nach ein Teil ihrer opaken Welt zu werden. Denn nur als geheimer, doch einfühlender Beobachter, davon ist Ruth überzeugt, kann man bisweilen jene Zeichen erhaschen, die all die kleinen, unscheinbaren Dinge untereinander austauschen, ihren unablässigen Versuch, aus immer weniger immer mehr zu machen. Und nur so lässt sich jene „wahre Geschichte“ lesen, in der die Dinge eine neue geräuschlose Schöpfung vorbereiten, die sich von derjenigen des „Menschengeschlechts“ nicht länger stören lassen will.

Was Adolf Muschg und seine Protagonistin Ruth gemein haben, ist weit mehr als nur die Fähigkeit, sich den scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten anzuvertrauen, der Kontur der Steine etwa, ein paar roten Striemen oder dem Geschmack eines rauen Bleistifts. Denn in der Tat versucht Muschg in den fünf Erzählungen, die er unter dem Titel „Gehen kann ich allein“ versammelt hat, aus sehr wenig immer mehr zu machen: aus zunächst harmlos wirkenden Momenten ekstatische Augenblicke, aus den filigranen Verschlingungen der Liebe ganze Passionsgeschichten – und leider auch aus einer anfangs leicht dahingleitenden Ironie eine allzu holzfüßige Komik der Pointen und Anekdoten.

Liebesgeschichten sind diese Texte in jenem emphatischen Sinne, den Muschg einst für seinen Erzählband „Der Turmhahn“ formuliert hatte: Sie spielen jede für sich im „Zwielicht aller möglichen Geschichten, (...) wo wir zwischen Glück und Unglück nicht unterscheiden können“. Die Liebe mit ihren Brechungen und kaum erahnbaren Fältelungen, der Eros in seiner Verschwisterung mit dem Tode, die amourösen Spuren einer verschütteten Kindheit. Oder, wie es gleich in der Eingangserzählung des neuen Bandes heißt: „Was wir Liebe nannten, konnten wir uns nicht ohne Zerstörung denken.“ Es sind Adolf Muschgs ureigene poetische Koordinaten, die er hier aufs Neue absteckt. Und gerade die erste Geschichte „Abschiedsbrief an einen Lebensretter“ variiert eine seiner liebsten Konstellationen, dass nämlich das Handeln im Jetzt stets bedrängt werde von frühen psychischen Verletzungen, die auf den Mäandern des Lebens so etwas wie Schuld anhäufen könnten. Eine Schuld, die vielleicht niemals ganz bewältigt, aber durchaus zur Sprache gebracht werden könne, zum Beispiel durch das Erzählen.

Weil er sich im Krieg von seinem Posten entfernt hat, um mit einer Frau die Nacht zu verbringen, wird ein junger Soldat inhaftiert und zum Tode verurteilt. Dort nun, in der Leere seiner Gefängniszelle, beginnt er an einen ehemaligen Freund zu schreiben, mit einem Bleistift, dessen Mine zwar beim leichtesten Druck bricht, der aber gleichwohl die Erinnerung antreibt, wenn man die geborstene Spitze mit den Zähnen herausnagen muss: „Weißt du noch, wie das schmeckt: Graphit und Zedernholz mit Spuren von Lack? Nach Holzkohle und Herdfeuer im Freien.“ Inspiriert von der Sinnlichkeit der aufsteigenden Bilder, reflektiert der Soldat über sein Leben, darüber zum Beispiel, warum er stets ein „Knecht des Augenblicks“ geblieben sei. Oder über seine amour fou in jener verhängnisvollen Nacht, immerhin war die Geliebte einst seine Lehrerin, die er dazu brachte, vor der Klasse ihr Geheimnis zu offenbaren: sie war versehrt und trug eine Beinprothese.

Muschg löst diese zunächst ein wenig didaktisch anmutende Geschichte in eine Folge zeitlich verschobener Stränge auf, an deren Nahtstellen das Bild der zerstörten Nymphe aufscheint: „Den Rock hatte sie zurückgeschlagen, und das eine Bein war ein von roten Striemen gezeichneter Stumpf, der über dem Knie abbrach.“ Mag auch die Form des Briefes die Ränder der Erzählung allzu fest markieren, so läuft doch Muschgs zarte Ironie innerhalb dieses Gevierts leicht hin und her. Sie umspielt die Gegensätze, bringt Sentimentalität und Resignation, Überzeugung und Skepsis, vor allem aber Reflexion und Beschreibung in ein labiles Gleichgewicht.

Diese im besten Sinne schweifende Ironie allerdings gerät Muschg im Laufe des Bandes ein ums andere Mal aus dem Blick. An ihre Stelle tritt ein etwas forscher, zuweilen monotoner, zuweilen aufdringlicher Plauderton, dessen humoristische Attitüde dort für Versöhnlichkeit sorgt, wo zuvor die kleinen Risse und Kanten umso deutlicher hervortraten. In der Erzählung „Duende“, einem als Interview getarnten Lebens- und Liebesbericht, schillern die Anekdoten der Erzählerin über ihren späten Geliebten Invernizzi zwar schon mächtig, sie werden aber noch gebunden von Muschgs genauer Sprache. Es ist die Technik der Polaroid- Kamera, die der Autor in diesem Text immer wieder erprobt: „Invernizzi zeigte mir, wie sich die Bilder noch feucht vor unseren Augen entwickelten.“ Doch ausgerechnet in der letzten und längsten Geschichte des Buches, „Deiner vollkommenen Meinung“, scheint Muschg sein ansonsten so feines Gespür für den Textrhythmus verloren zu haben. In diesem Parforceritt durch die jüngere Schweizer Historie sind die Pointen und Masken so dicht gestreut, dass die Suche nach einer „unerhörten Begebenheit“ völlig untergeht.

Wie gut, dass man als Leser jederzeit im Buch zurückblättern kann. Zu der Erzählung „Ash and Carry“ etwa, in der Muschg noch einmal sein Können zeigt. Eine heimliche Schwester seines Romans „Sutters Glück“, entfaltet die Erzählung auf ihrer kurzen Wegstrecke jedoch eine eigene Möglichkeit jener brüchigen Liebe zwischen der an Krebs erkrankten Ruth und ihrem Mann: „Die Sterne der Sternbilder haben nichts miteinander zu tun. Sie sind Lichtjahre voneinander entfernt. Trotzdem sehen sie so aus, als gehörten sie zusammen.“ Die feinen Schwingungen der Liebe senkt Muschg hier in radierte Landschaftsbilder ein. So erhascht er all die unscheinbaren Zeichen, die Ruth den kleinen Dingen ablauscht, den Pflänzchen und den rauen Steinen.

Adolf Muschg: Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten. Suhrkamp Verlag, Frankfurt / Main 2003. 148 S., 17,90 €.

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