Kultur : Immer Ärger mit Blondi

„Goebbels“ im Deutschen Theater Berlin

Peter Laudenbach

Nicht schon wieder. Nicht schon wieder ein Produkt, das schaudernd ergriffen auf der Welle des Hitler-Pop mitsurft. Vielleicht hat der zugedröhnte Zyniker David Bowie das alles vorausgeahnt, als er irgendwann in den Siebzigern den Führer den größten Popstar aller Zeiten nannte. Der Spruch bescherte Bowie damals eine Menge Ärger, aber angesichts der grassierenden Hakenkreuz-Mode in „FAZ“, Film und Fernsehen muss man vermuten, dass der Glam-Rocker mit seiner Provokation einen Nerv getroffen hat. Als wollte das Theater beweisen, dass es jeder Medien-Mode hinterherhinkt und einen Hype immer erst bemerkt, wenn er vorbei ist, setzt jetzt auch das Berliner Deutsche Theater nach all den Führerbunker-Soaps, Reichsparteitags-Melodramen und Speer-Biopics die Nazis auf den Spielplan. Dort kam jetzt ein Stück mit dem markig-nüchternen Titel „Goebbels“ zur Uraufführung. Geschrieben hat es Oliver Reese, der Chefdramaturg des Hauses, er übernahm auch die Inszenierung in den verkleinerten DT-Kammerspielen.

Reese ist zu geschickt, um in die nahe liegenden Fallen zu stolpern. Weder dämonisiert er Hitlers Propagandaminister als Genie des Bösen, noch berauscht sich seine Inszenierung optisch am Nazi-Pomp. Reese versucht erst gar nicht, die Ausstattungskünste und Gefühlsschwall-Produktionen von Eichinger & Co. zu imitieren. Er macht genau das Gegenteil. Text und Uraufführung sind denkbar unpathetisch. Sie gehorchen einer einzigen Fallen-Vermeidungs-Dramaturgie: Bloß nicht in die Nazi-Pop-Falle treten! Berauscht sich die Unterhaltungsindustrie an Schauwerten, herrscht bei Reese Bilderverbot. Blicken die Konfektionäre der Pop-Kultur nicht ohne leise Bewunderung zu den Großnazis auf, seziert Reese sein Studienobjekt mit kühler Verachtung. Das Textmaterial für seine Vivisektion liefert Goebbels selbst: Reese hat sich in einem Anfall von Masochismus durch tausende Seiten Goebbels-Tagebücher gelesen und aus dem Goebbels-O-Ton das Psychogramm eines abstoßenden Menschen montiert. Sein Stück ist eine Studie über die Entstehung des politischen Fanatismus aus dem Geist der geduckten Existenz, ein Porträt des Propagandaministers als Würstchen. Am Anfang, als verkrachter Germanistikstudent: „Warum ist der Eros meine Qual? Warum nicht meine Freude?“ Am Ende, im Führerbunker, ist er eifersüchtig auf Blondi, Führers Schäferhund.

Die Bühne (Hansjörg Hartung): ein nüchternes Halbrund, an den Wandpaneelen goldene Leselämpchen. Goebbels gibt es viermal, wenn dieser in vier Ausgaben auftretende Herr im Business-Anzug überhaupt Goebbels ist – und nicht nur eine Goebbels zitierende Sprechmaschine. Auf äußerliche Signale, vom Hinken bis zum rheinischen Dialekt, verzichtet die Inszenierung. Der Preis dieser Strategie ist die Enthistorisierung einer historischen Figur. Goebbels Nummer eins (Thomas Schmidt): ein aufgeregter Boheme-Verlierer, der mit sich nichts anzufangen weiß. Mit dünnem Stimmchen zieht er Bilanz: „Das Verzichten habe ich gelernt.“ Und: „Die Kameraden lieben mich nicht.“ Goebbels Nummer zwei (Alexander Khuon): Beglückt vom Erfolg, tänzelt er um sich selbst. „Wir sind die Hetzer der Wahrheit.“ Goebbels Nummer drei (Frank Seppeler): der gestresste Apparatschik, der euphorisch an der Krawatte zupft, wenn er vom Führer kommt. Goebbels Nummer vier (Ingo Hülsmann): der Kulturpolitiker, der sich das deutsche Theater vornimmt, besonders das Deutsche Theater. „Wir möchten, dass der große Pendelschlag der Zeit an den Toren des Theaters nicht halt macht, sondern dass er in die Theaterräume hineinschlägt.“ Würde der Abend nicht „Goebbels“ heißen, sondern „Meier“ oder „Schmidt“ , könnte dieser Mensch auf der Bühne auch irgendein Sekten-Spinner, ein Büroangestellter mit verschrobenem Weltbild oder ein nicht weiter auffälliger Psychiatrie-Insasse sein.

Nächste Aufführung am 1. Juni.

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