Kultur : Immer Ärger mit dem Wahrheitssucher

Heute eröffnet eine fulminante Doppelausstellung mit Werken von Bernhard Heisig in den Galerien Brusberg und Berlin

Ulrich Clewing

Auf den ersten Blick ist auf dem Bild nicht viel zu erkennen. Leiber, Gliedmaßen, weit aufgerissene Augen und Münder, die Zähne zeigen. Dazwischen undefinierbare Formen, Lautsprecher, Helme, Geschütze, was halt so dazugehört zu einem Gemälde von Bernhard Heisig, 78 Jahre alt, wohnhaft in Strodehne in Brandenburg. Erst nach einer Weile fängt das Chaos an sich zu ordnen, wird die Komposition deutlicher, treten einzelne Gestalten hervor, die derjenige, der mit Heisigs Werk vertraut ist, schon öfter gesehen hat: Friedrich II., Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, der Maler selbst, die Rückenfigur des „Stürzenden“, der Turmbau zu Babel nach alten flämischen Vorbildern.

Auch der Titel entspricht in Diktion und Aussage dem, was man von Heisig erwarten darf: „Damals und gestern und heute und...“ heißt das Bild, das taufrisch aus dem Atelier kommt und jetzt bei Brusberg in der Galerie hängt (Preis auf Anfrage). Nimmt man noch die Ausstellung in der Galerie Berlin dazu, die ebenfalls an diesem Wochenende beginnt, dann könnte man meinen: alles beim Alten. Die alten Freunde stellen den alten Heisig aus, und der malt, wie und was er schon immer gemalt hat: die alten Geschichten aus der Vergangenheit von Willkürherrschaft und Despotie, von Militarismus und Nazi-Zeit, von Verblendung, Verfolgung, von Mord und Totschlag und vom Vergessen.

Schön ist das nicht, wenn Heisig so malt, nicht angenehm und auch nicht sehr harmonisch. Und man ertappt sich bei dem Gedanken: Warum tut er sich das an? Warum die ständigen Anklagen, denen mittlerweile die Angeklagten abhanden kommen? Warum das Anrennen gegen weit offene Türen? Warum all die Wiederholungen, die ihm den Vorwurf einbringen, das Ganze sei nur eine Masche? Das starrköpfige Festhalten am gewohnten Pathos des unbeteiligten Beobachters und Mahners? Wo man längst weiß, was vor einiger Zeit noch einmal auf recht unappetitliche Art verbreitet wurde, dass Heisig nämlich nicht ganz so unbeteiligt war, als sechzehnjähriger Soldat.

Heisig kann nicht anders, will nicht anders. Es lässt ihn nicht los, er leidet und teilt dieses Leiden dem Betrachter gerne mit. Und je länger dieses Leiden andauert, desto gewaltiger wird es. Wirkt es. Wirkt es nach. Fast vierzehn Jahre sind vergangen, seit die Grenze zwischen den beiden Deutschlands nur noch gedanklich existiert. Und so langsam wird klar, dass die Reizfigur Bernhard Heisig, der Mitbegründer der Leipziger Schule, der Staatskünstler, der Verpönte, der geschnittene Heisig, einer der größten Maler seiner Generation, wenn nicht der größte überhaupt ist.

Dabei ist Heisig keiner, der es sich leicht macht. Vielleicht weiß er ja gar nicht, wie altmodisch er ist. Wie wenig seine Klagebilder dazu geeignet sind, jüngere Menschen zu erreichen, die die Versatzstücke seiner Gemälde alle schon in der Schule als Originalabbildungen in den Lesebüchern gesehen haben. Aber vielleicht schert es ihn auch nicht. Er malt einfach weiter, als grandioser Kolorist, als in die Jahre gekommener Enkel von George Grosz und James Ensor, als sich selbst und andere entblößender Karikaturist. Heisig, der inzwischen im Rollstuhl sitzt, pflegt seine Themen und seinen Tonfall, malt einen beschwichtigenden bigotten Kardinal in „Immer Ärger mit dem Wahrheitssucher“ (36 000 Euro), malt den „Tod in Breslau“ (36 000 Euro) und den „Befehl und das Lied von den morschen Knochen“ (48000 Euro). Und das sind lediglich die neueren Bilder. Bei Brusberg und in der Galerie Berlin sind Werke ab 1968 ausgestellt, die belegen, dass sich bei Heisig in den letzten Jahrzehnten motivisch und stilistisch nicht allzu viel getan hat – auf die Gefahr hin, damit alt und einsam zu werden.

Dieses Überzeitliche, dieses Beharren, dieses Spannen eines Bogens, der 250 Jahre humanitäre Katastrophen auf deutschem Boden vereint, birgt ein Risiko: den Verlust der Verbindung zur eigenen Zeit. Teilhabe, Zeitgenossenschaft, generell Dinge, die den Betrachter heute womöglich stärker berühren als die Hinrichtung „des armen Freundes Katte“, all das findet bei Heisig nicht statt. Oder wenn, dann nur so verklausuliert, dass es einem eben bisweilen etwas ältlich erscheint.

Wie es ausschaut, wenn Heisig sich mal ein bisschen locker macht, ist vor allem in der Galerie Berlin zu besichtigen. Dort lernt man einen anderen, bislang wenig bekannten Maler kennen, den privaten, neugierigen, eventuell sogar etwas kumpelhaften Heisig. Landschaften gibt es da, Ausblicke aus Fenstern ins Brandenburgische hinein, einen schönen Blumenstrauß und eindrucksvolle „Faust“-Szenen und den „Angler an der Havel“, eine Leihgabe, mit der Rüdiger Küttner seine Ausstellung angereichert hat.

Man muss das Überdeutliche an Heisigs Bildern, die vielen Spruchbänder mit den manchmal dezent bemühten, gequälten Botschaften nicht unbedingt mögen. Was man jedoch nicht ignorieren kann, ist die ungeheure Kraft, die sie verströmen. Hier arbeitet jemand Malerei, gedanklich und handwerklich, und was dabei herauskommt, ist eine großartige Schufterei und Kunst. Man hat versucht, Heisig abzuqualifizieren und zu stigmatisieren. Man hat ihm lange genug seine Vergangenheit vorgehalten. Dabei hat man übersehen, dass er selbst nie etwas anderes getan hat. Das kann man ein Zeichen von Größe nennen.

Galerie Berlin, Oranienburger Straße 27, Dienstag bis Freitag 13–19 Uhr, Sonnabend 13–18 Uhr.

Galerie Brusberg, Kurfürstendamm 213, Dienstag bis Freitag 10–18.30 Uhr, Sonnabend 10–14 Uhr, beide Ausstellungen bis 15. November .

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