Kultur : Immer an der Wand lang

Kerstin Decker

Ein britischer Historiker mit Schirmmütze fährt Fahrrad. Immer die Mauer entlang. Über die größte Baustelle Europas. Er folgt mit der Unbeirrbarkeit aller Schirmmützenträger einer imaginären Linie. Die Mauer ist weg! Das berühmteste Bauwerk Deutschlands - fast verschwunden. Darum sieht ein Mauerfilm von heute auch ganz anders aus als ein Mauerfilm von 1989. Darum macht das Babylon jetzt ein kleines Festival und fürchtet nicht, dass wir dem Thema schon im Fernsehen begegnet sein könnten. Kino ist anders. Allein der Rhythmus.

Der allerneueste Mauerfilm "Nach dem Fall" von Frauke Sandig und Eric Black etwa ist beinahe eine Meditation. Mythisch. Und sehr ätherisch. Wie man sich Verschwundenen eben nähert. Die zugleich auf eine schwer bestimmbare Weise noch da sind. Für solche Tatbestände eignet sich die Heidegger-Sprache: Die Abwesende west an. Der Film sieht es im Auffliegen eines Krähenschwarms. Oder zwischen den Lichtern des Riesenrads. Es ist ein richtiger Baustellen-Krähen-und-Karussellfilm geworden. Denn Baustellen, Krähen und Karussells sind die legitimen Mauer-Nachfolger.

Mauer in Flaschen

Und wo ist die Mauer hin? Es gibt sie jetzt in Flaschen. Als homoöpathische Medizin in England. Die apothekenmäßige Abfüllung der feingemahlenen Mauer haben Frauke Sandig und Eric Black auch gefilmt. Unklar blieb nur, wie das Mittel wirkt. Sicher bekommt man klaustrophobische Anfälle davon. Und dann ist da noch Winfried Prem, ein kleiner Bayer mit großer Maschine. Die Mauer gab seinem Leben neuen Sinn, etwas also, das in Abrissunternehmerleben nicht alle Tage vorkommt. Vorn in Prems Maschine kam die betonharte deutsch-deutsche Geschichte rein und hinten als straßenbettauglicher Schotter wieder raus. Prem hat die Mauer kleingehäckselt. Fast zwei Drittel von 160 Kilometer Gesamtlänge.

Psychotherapeuten sehen diese Dinge natürlich anders. Sie sehen die "Zwillinge" auf beiden Seiten der Mauer, die sich plötzlich so nah immer fremder wurden. Hätten die Zwillinge das nur ausdiskutieren können!

Die frühen Mauerfilme wissen noch nichts von solcher Nachdenklichkeit. Aber die Krähen waren auch schon da. Es sind Klopfzeichenfilme. Wie "Die Mauer" (DDR 1990 von Thomas Plenert). Meißel und Hämmer sind ihre Hauptdarsteller. Kleine Japanerinnen klopfen neben hageren Nordländern. Ein Klopfkommunismus. Eine wahrhafte Abriss-Internationale.

Spielfilme erkennt man daran, dass ihnen dieses Geräusch nicht reicht. Mit Margarete von Trottas "Versprechen" und Frank Beyers "Nikolaikirche" haben wir zwei aktenkundig gewordene Beweisstücke dafür, dass weder die Kunst noch das Leben ohne Pathos auskommen, aber mit ihm auch nicht. Jedenfalls nicht angesichts von Situationen, die selber pathetisch sind. Heute abend kann man das zur Eröffnng der Reihe anhand des minderschweren Falls der "Nikolaikirche" studieren. Vielleicht war es auch nur zu früh für solch fiktionale Ansinnen, 1994 und 1995 entstanden. Wer hätte 1794 schon einen Spielfilm über die französische Revolution sehen wollen?

Fernsehmenschen

Es war die Stunde der Dokumentarfilme. Marcel Ophüls drehte 1990 "Novembertage - Stimmen und Wege". Er suchte nach Menschen, die er auf zufälligen Fernsehbildern bemerkte und sprach mit ihnen. Über den Mauerfall als erotisches Ereignis und über den zukunftsweisenden Club "Indianer heute", dessen Mitglied zu sein es erlaube, die Frage Ost-West als das zu erkennen, was sie ist: zweitrangig. Berlin 1989, gesehen mit den Augen der BBC. Und dann die finale Forderung des Kommentators: "Man müsste auf Egon Krenz zugehen und fragen: Wie sehen Ihre Pläne aus?" Nach Schabowski, Honecker und den anderen meldet sich endlich auch der junge Marlon Brando zu Wort mit der Ankündigung: "Begraben will ich Cäsar!" - Der fremde Blick, respektloser, viel näher manchmal aus der Ferne.

Und dann noch der fremde Blick einer Rückkehr. Sybille Schönemann kam 1985 aus Potsdam in die Bundesrepublik. Nach fast einem Jahr Gefängnis, nach einem Jahr Trennung von Mann und Kindern. Nun, 1990, fuhr sie wieder in die DDR, um endgültig Abschied zu nehmen. Da ist das Gefängnis kein Gefängnis mehr, die Aufseherin nicht mehr Aufseherin . . . "Verriegelte Zeit": Ein stiller, schöner Film über zuviel gestohlenes Leben und wie man dennoch nicht bitter wird daran.Babylon-Mitte, bis 14. November, 21 Uhr

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