Kultur : Immer an der Wand lang

Spaziergang durch die Zeitgeschichte: Der Choreograf Martin Nachbar ist einem Mauertoten auf der Spur

Sandra Luzina

Martin Nachbar ist nicht da. Das ist gewöhnlich die Auskunft, die man erhält, wenn man versucht, mit dem Berliner Choreografen und Performer in Kontakt zu treten. Nachbar ist ein Vertreter des oft geschmähten Konzept-Tanzes – und sicherlich einer der klügsten und eigenwilligsten. Seit fünf Jahren lebt er in Berlin, doch er ist selten hier, sondern meist woanders. „Woanders“ ist ein Wort, das Martin Nachbar gefällt. Aus dem Woanders-Sein macht er Kunst. Die Anatomie von Orten wurde mehr und mehr zum Thema seiner Performances. In mehr als zehn europäischen Städten hat er seit 2005 als Artist-in-Residence gearbeitet – in Berlin wird er nämlich kaum gefördert. Unaufhörlich schreibt er sein „kinetisches Logbuch“ fort.

Derzeit steht Martin Nachbar, 35, in Salzburg auf der Bühne, in Joachim Schlömers Mozart-Abenteuer „Irrfahrten“. Für ein Arbeits-Wochenende ist er nach Berlin gekommen. Die Schützenstraße liegt ganz in der Nähe des Checkpoint Charlie, doch nur selten verirren sich Touristen hierher. Hier recherchiert Nachbar für sein neues Projekt „Mauerfälle – Incidental Journey Berlin“, das im Rahmen des internationalen Performance-Projektes „Berliner Ermittlungen“ gezeigt wird. Partnerorganisationen aus sechs europäischen Städten, darunter die Berlin Tanzfabrik, haben sich zusammengeschlossen, um neue Formen ortsspezifischer Kunst zu fördern. Junge Künstler schwärmen aus und entwickeln Projekte, in denen sie auf Gegebenheiten und Ereignisse in der jeweiligen Stadt zugreifen. Schauplätze in Berlin sind etwa die Marheineke-Halle in Kreuzberg, der Tennisplatz an der Schaubühne – wo angeblich schon Nabokov spielte – und das Ballhaus Naunynstraße.

Die Mauergeschichte, der Martin Nachbar gerade auf der Spur ist, führt mitten hinein in ein deutsch-deutsches Drama. Unfälle, Zwischenfälle, ein Ereignis, das das Leben einer Stadt stört – das ist das übergreifende Thema aller sechs Stationen. Dass er sich bei seinen Berliner Ermittlungen auf heiklem Terrain bewegt, ist Nachbar bewusst. Im Dokumentationszentrum in der Bernauer Straße, wo alle Mauertoten aufgelistet sind, begegnete man ihm zunächst mit Skepsis. Ein Performancekünstler! Die Institution möchte die Geschichte lieber in Form von Gedenktafeln und wissenschaftlichen Abhandlungen aufbewahrt wissen.

An diesem verregneten Nachmittag steht Martin Nachbar vor einem rostigen Tor neben dem Verkehrsministerium, dahinter befindet sich eingezäuntes Brachland. „Reinhold-Huhn-Straße“ ist in verblasster Schrift zu lesen. Bei Internet-Recherchen stieß Nachbar auf den Fall Reinhold Huhn. Der Soldat der Grenztruppen war 1962 an der Sektorengrenze in der Zimmerstraße vom Fluchthelfer Rudolf Müller erschossen worden.

Eine ebenso tragische wie absurde Geschichte, in die der Axel-Springer-Verlag und die Geheimdienste verwickelt waren. Die DDR erklärte Huhn zum Helden im „Kampf gegen den Westen“ und nahm seinen Tod zum Vorwand, um die Mauer weiter auszubauen. Ein ihm gewidmetes Denkmal stand bis 1990 in der Schützenstraße, die bis zur Wende Reinhold-Huhn-Straße hieß. Nachbar interessiert vor allem, wie mit Denkmälern der DDR umgegangen wird. Seine „Incidental Journey Berlin“ versucht, die „Unglücksaura“ des Ortes in Form eines „dokumentarisch-performativen Stadtspaziergangs“ zu rekonstruieren. „Natürlich ist es erst mal eine Behauptung, zu sagen: Wenn ich mich mit einem Publikum durch die Stadt bewege, dann ist das Choreografie“, sagt Nachbar. Doch bei seiner Salzburger Tour konnte er bereits die Erfahrung machen, dass die Zuschauer zu Performern wurden.

Wie man sich planvoll verirrt, das hat Martin Nachbar zusammen mit Jochen Roller erforscht. Für ihr Projekt „mnemonic nonstop“, das im April in den Sophiensälen zu sehen war, haben die beiden Tanzkünstler sich im Jahr 2005 für je drei Wochen in fünf Städten aufgehalten: zuerst in Tel Aviv, dann in Brüssel, Berlin, Zagreb und schließlich in Graz. Angelehnt an die französischen Situationisten und deren Konzept des „Derive“ (umherstreifen) haben sie eigene Techniken entwickelt, um den Stadtraum zu erkunden. So wurden etwa die Stadtpläne von Kinshasa und Brüssel übereinandergelegt – die Fremde war auf einmal sehr nah. Eine Anatomieskizze wurde auf die Karte von Tel Aviv projiziert – die beiden Choreografen tauchten ein in das Adernsystem der Stadt, innen und außen vertauschten sich. Und der Strand von Tel Aviv befand sich plötzlich unterhalb von Nachbars Bauchnabel.

„Die Berliner Recherchen zu mnemonic nonstop waren besonders schwierig, weil wir die Stadt ja kannten“, erzählt Martin Nachbar. Er verfiel deshalb auf die Idee, einen Fremden zu verfolgen. Wie ein Detektiv heftete er sich mehrere Stunden an die Fersen eines Mannes – und blieb selber unsichtbar. Bei seinen „Verdeckten Ermittlungen“ – so der Titel eines weiteren Stücks – fand er seine Hypothese bestätigt: „Es gibt immer ein Wohin in der Stadt, es ist geleitet vom Begehren.“ Der Choreograf ist immer auch ein Kartograf des Unbewussten.

Seine Methoden gelten mittlerweile als wegweisend. Beim „Tanz im August“ bietet er den Workshop „Backtracking/Rückverfolgung“ an. „Ich möchte gern mehr in Berlin arbeiten“, seufzt Nachbar. Ihn lockt die aufregende Erfahrung, in der eigenen Stadt woanders zu sein.

Das Festival „Berliner Ermittlungen“ findet vom 11. bis 18. August statt. Programm unter www.tanzfabrik-berlin.de. Martin Nachbars performative Stadtspaziergänge „Mauerfälle – Incidental Journey Berlin“ beginnen am 16. und 17. August um 17 Uhr, am 18. um 16 Uhr. Treffpunkt: Checkpoint Charlie, Friedrichstraße/Ecke Kochstraße (Mitte).

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