Kultur : Immer Auftragskunst

ANDREA JULIETTE GROTE

Es hat etwas Erfrischendes, Rednern zuzuhören, die über ihren angestammten Forschungsbereich hinausblicken und zu einem Thema referieren, das nur am Rande mit ihrer Profession zu tun hat.So geschehen bei einem Vortrag von Heinz-Dieter Kittsteiner, Historiker und Philosoph mit Lehrstuhl in Frankfurt/Oder, der im Rahmen der Vortragsreihe zur Ausstellung des XX.Jahrhunderts im Auktionsraum im Hamburger Bahnhof zum Thema "Staatskunst und Kunstbetrieb" sprach.Kittsteiner versucht sich an Begriffsklärungen.So ist er der Meinung, daß der Begriff Staatskunst für die künstlerische Produktion der ehemaligen DDR zu schnell gewählt wird, denn sie würde damit primär einem totalitären Regime zugeordnet.Durch Rückblicke und Beispiele aus der Geschichte versucht er zu belegen, daß der Begriff Staatskunst unabhängig von politischen Systemen verwandt werden kann.Entscheidend sei, so Kittsteiner, der Auftraggeber.Staatskunst gibt es auch im ehemaligen Westdeutschland - jüngstes Beispiel ist das Holocaust-Denkmal.

Auch die Vorstellung, die man vom Kunstbetrieb habe - mit der dann die freie Kunstproduktion assoziiert wird - ist nur bedingt zutreffend.Der Historiker, der mit dem Overheadprojektor und Folien arbeitet, versucht Begriffe von Auftragskunst, Kunstmarkt, Staatskunst in ihrer historischen Entwicklung aufzuschlüsseln.Dabei beginnt er bei den Hofkünstlern, die schon im 17.Jahrhundert im Auftrag eines Königs arbeiteten.Diese Kunst ist zwar nie richtig kritisch.Doch sie hat ihre Bedingungen und ihr Entstehen reflektieren können.

Kittsteiner exemplifiziert seine Thesen unter anderem an den Werken, die Diego Velßzquez für seinen königlichen Auftraggeber und Freund Philipp IV.schuf.Der Künstler war ein angesehener Mann.Er war Auftragskünstler, aber kein Staatskünstler im modernen Sinn.Für Kittsteiner ist diese historisch belegte Unterscheidung wichtig, denn zu schnell werden die Begriffe von Staatskunst mit der von Auftragskunst vermischt.Anhand von Fotos und Berichten aus Zeitungen und Zeitschriften zeigt Kittsteiner, daß der Kunstbetrieb, der Staat und die Gesellschaft eine Symbiose eingegangen sind, die propagierte "Freiheit" eine Fiktion ist.Der Markt macht die Kunst - seien es Kunstkritiker, Ausstellungsmacher, Galeristen.Das Gebaren von Künstlern, die sich gegen vermeintliche Widerstände durchzusetzen hätten, sei ein Relikt aus vergangenen Tagen.Die Kunst emanzipiert sich in einem vorgegebenen Raum, sie ist zu einem Wirtschaftsfaktor geworden, der mit freien Entscheidungen nur am Rande zu tun hat.

Kittsteiner, der sich häufig zum Denkmal für die ermordeten Juden geäußert hat, ist davon überzeugt, daß es einmal gebaut werden wird.Doch genau darin sieht er eine Gefahr: Gerade die Einbeziehung des Verbrechens in den letztlich doch positiv-geläuterten Gang der deutschen Geschichte hält er - trotz aller vorab gelaufener Diskussion - für eine Gedankenlosigkeit.

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