Kultur : Immer der Nase nach

Ein parfümiertes Buch von Karl Lagerfeld.

Erhard Schütz

Wie stellt man ein Buch vor, das beim edlen Drucker Steidl in Göttingen erscheint, jedoch eigentlich ein Parfüm ist, das ein Buch, ja, eine Bibliothek sein will, aber wohl der ISBN-Nummer wegen als Buch daherkommt? Der Reihe nach: Zunächst gibt es einen kompakten Karton, darin stößt man auf ein quadratisches Objekt in Taschenbuchformat, eingehüllt in edelroten Knitterkrepp. Darin wiederum ein Buch mit edelroter Bauchbinde: For Booklovers. Und nun der Titel: Paper Passion. Perfume. „I am a paper freak“, erklärt sich sodann darin der Büchersammler Karl Lagerfeld, worauf ein einfältiges Gedicht von Günter Grass dreifaltig im Faksimile, auf Deutsch und in englischer Übersetzung folgt.

Nun noch zwei Seiten von Geza Schoen und eine von Tony Chambers umzublättern – und da liegt es schon vor uns, eingebettet in edelrote Buchseiten, das offenbare Geheimnis: Wo früher ängstliche Ladies ihr Collier, leberzirrhotische Landlords ihren Trunk oder tückische Bösewichte ihr Pistölchen heimlich deponierten, hier nun ein Flachmann mit 50 ml Paper Passion, kreiert von besagtem Paperfreak und Made in England. Perfume for booklovers. Feuergefährlich, tut ein Zeichen kund. Für 78 Euro. Schon deshalb sollte man es nicht mit Gin verwechseln.

Erprobungen an Mitmenschen laufen noch. Erste Ergebnisse: Es riecht tatsächlich irgendwie ein bisschen nach trocknem Papier. Ein wenig mehr aber noch wie L’air du temps von Nina Ricci. (50 ml für circa 45 Euro) Und es scheint zu wirken: Eine Buchhändlerin soll damit in freier Wildbahn eine Bibliothekarin unwiderstehlich angezogen haben (muss durch Wiederholung überprüft werden).

Langzeitstudien laufen allerdings noch: Es macht Lesende zu Wohlriechenden, aber macht es auch Papierduftende zu Lesern? Ersetzt es etwa, dick aufgetragen, im Urlaub den oder das Kindle? Macht es einen, auf längere Zeit angewendet, zu a) Süskind b) Grass c) Proust d) Lagerfeld oder e) zu parfümiertem Altpapier? Morgen werde ich ein anderes Experiment machen. Ich werde mit dem verbliebenen Rest meine Bibliothek beträufeln. Mal sehen, ob mir der Antiquar dann mehr als die bisherigen 20 Cent fürs Kilo bietet. Erhard Schütz

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