Kultur : „Immer drohen Anarchie und Psychose“

Roger M. Buergel machte kleine, feine Ausstellungen. Dann wurde er zum Leiter der weltweit wichtigsten Kunstschau ernannt: 2007 präsentiert er in Kassel die zwölfte Documenta. Ein Gespräch über Politik, die neue Schönheit und die Vervolksfestung der Kunst

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Herr Buergel, die BerlinBiennale, geleitet von einer Co-Kuratorin der letzten Documenta, hat fast durchweg schlechte Noten von der Kritik bekommen. Was ist da schief gelaufen?

Es scheint, als ob sich von der Documenta 11 noch eine Aggression angestaut hätte gegen eine Ästhetik, die als zu theorielastig, als zu politisch korrekt gilt. Bei Okwui Enwezor hat sich noch niemand getraut, zuzuschlagen wie jetzt bei einer Documenta im Kleinformat, einer Bauchladenausgabe. Hinzu kommt das Verhältnis der Ausstellung zur Stadt, die Berlin-Erwartung. Die Situation vor Ort ist eine Katastrophe, da es in Berlin keine anständige Institution gibt, die sich systematisch mit Gegenwartskunst befasst. Eine Biennale kann diese institutionelle Arbeit nicht ersetzen. Ich denke, dass ein Gutteil der Aggression eigentlich an die Berliner Kulturpolitik gerichtet werden müsste.

Bedeutet der Überdruss an einer theoretisch überfrachteten Kunst, dass wir neuen opulenten Zeiten entgegengehen, ja dass sich ein Neo-Konservativismus anbahnt, wie mancher befürchtet?

Theorie als solche ist nicht automatisch progressiv. Der Konflikt zwischen diesem Anspruch auf unmittelbare Wahrnehmung und Konzept ist eine alte Geschichte. Ich fürchte, dass wir da nicht rauskommen. Ich fand außerdem die letzte Documenta überhaupt nicht theoretisch. Ich habe eher eine unglaubliche Menge cultural studies gesehen. Unter Theorie verstehe ich etwas ganz anderes. Für mich hat Theorie – und das sagt schon das griechische Wort – mit Schauen zu tun. Das heißt: Man versucht, für das, was man wahrnimmt, Begriffe zu finden. Gute Theorie hat viel von Improvisation, einem Vortasten. Deshalb verstehe ich auch den Horror vor diesen Gewissheiten, den Statements.

Häufig dient Kunst dann nur noch als Illustrationsmaterial für die Ausstellungsidee.

Da müssen sich die Künstler an die eigene Nase fassen. Schließlich gibt es genügend Möglichkeiten jenseits der Biennalen auszustellen. Vielleicht ist es auch mal Zeit, „Nein“ zu den Einladungen zu sagen. Kunst muss wahrhaftig nicht unter Naturschutz gestellt werden.

Also auch höchste Zeit für eine neue ästhetische Debatte?

Ich würde das begrüßen. Allerdings misstraue ich dieser Unmittelbarkeitsvorstellung, dieser anti-intellektualistischen Tradition. Was die Betrachter dann wahrnehmen, ist ebenfalls über Theorie vermittelt, einer Theorie eben von vorgestern. Man kommt nicht um das Faktum herum, dass es wahnsinnig viele schlechte Ausstellungen gibt.

Wie positioniert sich da die Documenta inmitten dieser Vielzahl an Biennalen?

Die Documenta hat durch ihre Gründungsgeschichte eine historische Klasse, welche die Biennalen nicht besitzen. Außerdem hat sie mit dem Fünf-Jahres-Turnus einen besseren Rhythmus. Biennalen bedeuten je nach Austragungsort etwas ganz anderes. Die Biennale in Biennale halte ich für überflüssig, eine in Tirana jedoch keineswegs – auch wenn diese Witzchen kursieren, wie man mit urbanen Problemen etwa in Ghasa, Ramallah oder Dakar verfahren könnte: „Als erstes brauchen wir eine Biennale, um hier wieder Leben reinzukriegen.“ Das Problem beginnt in dem Moment, wenn Standortoptimierung und Stadtpolitik hinzukommen. Der österreichische Künstler Florian Pumhösl ...

...der für seine modernisierungskritischen Installationen letztes Jahr den Central-Kunstpreis erhielt ...

... hat einmal darüber spekuliert, dass es nicht ewig weitergehen kann mit der Ausbreitung der Biennalen. Er meinte, dass dies alles irgendwann in Volksmusikfestivals umschlagen wird. Ich glaube, diesen Punkt haben wir erreicht.

Spielt Stadtmarketing nicht auch bei der Documenta eine große Rolle? Dort muss jede neue Ausgabe die Erfolgsgeschichte fortschreiben und die Besucherzahl der vorherigen übertreffen. Sie müssen also die Zahl von 650 000 Besucher der Documenta 11 noch steigern.

Ich ignoriere das. Für mich sind Besucherzahlen kein Thema. Eine Ausstellung ist nicht automatisch gut, wenn sie viele Besucher hat und umgekehrt. Natürlich gibt es Marketingstrategien, aber in Kassel ist das etwas anderes. Dort sind die Kasselaner selber irgendwann darauf gekommen, dass sich die Stadt mit der Documenta identifizieren sollte. Die Documenta war in gewisser Weise vor Kassel da. In Berlin und bei den meisten anderen Biennalen ist das anders: Da gab es bereits einen kulturpolitischen Horizont, in den die Biennale platziert wurde, sie war von vornherein Instrument. Die Documenta war 1955 zunächst ein Anhängsel der Bundesgartenschau und hat sich dann zu dem entwickelt, was sie heute ist. Dadurch kann sie autonom von den Erwartungen der Stadt zu operieren.

Trotzdem gibt es Erwartungen. Kann die Documenta mehr sein als ein Querschnitt der aktuellen Kunstproduktion?

Ich finde es in Ordnung, ein Bild der Kunst heute zu vermitteln und sie nicht gewaltsam in bestimmte Kategorien zu pressen. Es geht nicht mehr um die Vision des Kurators, sondern dass man empirisch verfährt und sich umschaut, was es gibt.

Laut Auswahlkommission hat man sich für Sie als neuen Documenta-Direktor entschieden, weil Sie der Kunst als Kunst wieder Geltung verschaffen wollen.

Das halte ich für selbstverständlich. Im Moment würde wohl niemand für eine stärkere Theoretisierung von ästhetischer Wahrnehmung eintreten. Für mich sind zwei Sachen wichtig: erstens, dass man wegkommt von dieser Fixierung auf den Kurator als Autor, und zweitens die Zusammenarbeit mit dem Publikum, indem der Entstehungsprozess von vorneherein öffentlich ist. Das ist wahnsinnig mühsam, wie ich jetzt in Barcelona erlebe; da drohen immer Anarchie und Psychose, aber am Ende wird die Ausstellung besser.

Stellen Sie auch einen politischen Anspruch an die Documenta wie Ihre Vorgänger?

Politik ist ein Begriff, den ich ungerne verwende, da er inzwischen komplett ausgeleert ist, nicht zuletzt auf Grund der politischen Rhetorik auf dem Kunstfeld. Für mich ist es politischer, das Publikum zu involvieren, als ein Video über die Vorfälle an der US-mexikanischen Grenze zu zeigen.

Bei Ihnen darf also auch „schöne“ Kunst vorkommen?

Ich habe mit dem affektiven Charakter, dem sinnlichen Reiz von Kunst keine Probleme. Mich schreckt das nicht. Ich habe auch keine Angst vor Bildern. Manchmal hat diese Affektivität, das Bunte, etwas Idiotisches, was ich aber gerade gut finde. Viele, die von Theorie genug haben, stört genau dieser falsche Ernst. Dabei brauchen wir einen Raum für unverantwortliches Handeln. Gute Theorie ist übrigens daran zu erkennen, dass man sich fragt: Ist das jetzt wirklich ernst gemeint?

Sie haben bereits angekündigt, die Zahl der Teilnehmer radikal zu verkleinern.

Nahezu alle Documenta-Direktoren sind mit diesem Vorsatz angetreten, und hinterher waren es immer viel mehr. Gerade das ist interessant: diese Abläufe und institutionellen Zwänge zu beobachten. Die Documenta ist in erster Linie ein Experiment mit sich selbst und mit ihrem Format, das eine historische Relevanz hatte, sonst wäre es keine Erfolgsgeschichte geworden. Die Frage lautet: Ist es vernünftig, diese Art von Ausstellungen weiterhin zu machen? Die Documenta kann den Beweis dafür erbringen. Oder sie geht eben daneben.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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