• Immer einen Schritt voraus - Alexander Panikins Weg an die Spitze der russischen Wirtschaft

Kultur : Immer einen Schritt voraus - Alexander Panikins Weg an die Spitze der russischen Wirtschaft

Jörg Lichter

Tellerwäscherkarrieren kannte man bisher vor allem aus den USA. Nun, mit hundert Jahren Verspätung, wird mit der Autobiografie des Alexander Panikin eine solche Erfolgsgeschichte auch aus Russland überliefert. Panikin, ein unternehmerisches Naturtalent, spekulierte bereits im Kindesalter mit Eintrittskarten für Fußballspiele. Während seines Studiums der Theaterökonomie beginnt er quasi im Nebenberuf mit der Heimproduktion von Gipsmasken und billigem Modeschmuck. Heute gilt sein Unternehmen "Paninter" mit mehr als 2000 Beschäftigten als Russlands größter Bekleidungskonzern.

All dies ist in einer Marktwirtschaft nichts außergewöhnliches. Spielt es sich jedoch in der späten Sowjetunion und der sich anschließenden Umbruchphase ab, wird es zum Abenteuer. Panikins Rückblick auf die sklerotische Sowjetgesellschaft ist spannend, kurios und zugleich sehr erhellend, weil er die Widersprüchlichkeit des Systems anschaulich macht.

Ausgeprägter Individualismus war auf den ersten Stufen der Karriereleiter im Sowjetsystem keineswegs von Nachteil, wie Panikin an seinem eigenen Beispiel belegt. Auch die linientreue Bürokratie duldete solche Eigenschaften, weil die Improvisationskunst des Einzelnen für die Zentralverwaltungswirtschaft unausgesprochen eine Überlebensfrage war.

Reicher als der Minister erlaubt

Schon früh erkannte Panikin jedoch, dass die Freiräume umso kleiner wurden, je weiter man auf der Leiter nach oben stieg. Der folgende Wechsel in die einträglichere "Privatwirtschaft" fand daher in einer Grauzone statt: Offiziell konnte jeder Sowjetbürger einen Gewerbeschein erhalten - nur leider war diese Möglichkeit nicht allgemein bekannt. Im Übrigen wurden auch die Straßenhändler mit Gewerbeschein von den Behörden als Kriminelle betrachtet und verfolgt.

Als Panikin in seiner Steuererklärung sein tatsächliches, für Sowjetverhältnisse astronomisch hohes Einkommen angibt, fordert ihn der Finanzbeamte auf, die Summe auf das sowjetische Durchschnittsniveau zu reduzieren. Schierer Eigennutz: Der Apparatschik hat Angst, seinem Vorgesetzten erklären zu müssen, wie ein gewöhnlicher Bürger höhere Einkünfte haben könne als ein Minister.

Mit dem Amtsantritt Michail Gorbatschows und endgültig mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ändert sich langsam das Klima für Privatunternehmer. Private Kooperativen und Joint-Ventures mit ausländischen Unternehmen werden möglich - und eröffnen vor allem dem Sowjet-Entrepreneur Alexander Panikin neue Betätigungsfelder.

Panikin war auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs seinen Konkurrenten einen Schritt voraus: Bereits 1990 ließ er in Berlin eine deutsche Firma gründen, um mit dem eigenen Unternehmen ein Joint-Venture bilden zu können. Damit sicherte er sich Steuererleichterungen sowie die Vorteile eines ungehinderten Kapitalverkehrs mit dem Ausland. Das machte ihm rasch die Einfuhr moderner Maschinen nach Russland möglich.

Bei aller Euphorie über das eigene Lebenswerk zeigt Panikin auch die Fähigkeit zu kritischer Selbsteinschätzung: Inzwischen wundert es ihn selbst, wie sein Unternehmen noch Mitte der neunziger Jahre ohne ein modernes System der Unternehmensführung auskommen konnte. Unter den sowjetischen Bedingungen allerdings hätten die westlichen Methoden wohl auch keinen Erfolg gehabt, macht Panikin deutlich: Rationale und strategische Planung wären im Klima der Scheinlegalität kaum opportun gewesen. Möglicherweise ist der Mangel an Management-Know-how - unseliges Erbe der kommunistischen Zeit - auch heute noch eine der Schwächen der russischen Wirtschaft.

Haarscharf am Bankrott vorbei

Mit Sicherheit gilt dies für das Fehlen von ordnungspolitischer "good governance": Bei aller Euphorie macht Panikin sehr deutlich, dass sein Aufstieg nicht wegen, sondern trotz der Wirtschaftspolitik nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelang. Eine Kette von Fehlentscheidungen, vor allem eine überstürzte Freigabe der Preise ohne gleichzeitige Zerschlagung der ehemaligen Staatsbetriebe mit ihren Quasimonopolen, so Panikins Analyse, trieb viele junge Unternehmen gleich wieder in den Konkurs.

Die Ursache für Russlands Probleme beim Übergang zu einer funktionierenden Marktwirtschaft sieht Panikin vor diesem Hintergrund keineswegs im fehlenden russischen Unternehmergeist - was nach siebzig Jahren Sowjetherrschaft durchaus nicht verwunderlich wäre. Das Problem ist nach seinem Urteil vielmehr weiter die Dominanz der alten, kommunistisch geprägten Eliten, die nach alle Umbrüchen noch immer relativ unbeschadet danach strebten, Staat und Gesellschaft auszubeuten.

Mit dem Schatz seiner ungewöhnlichen Erfahrung empfiehlt Panikin daher der neuen Unternehmergeneration, sich nicht nur fürs eigene Geschäft, sondern auch in der Politik zu engagieren. Im Interesse Russlands hofft man, dass sein Plädoyer nicht ungehört verhallt.Alexander Panikin: Das Maß der Freiheit. Lebensgeschichte eines russischen Millionärs. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2000. 208 Seiten. 36 DM.

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