Kultur : Immer im Fluss

Volker Hagedorn
Foto: dpa
Foto: dpaFoto: dpa

Vielleicht hat es nie einen Musiker mit weniger Selbstzweifeln gegeben, Richard Wagner eingeschlossen. Doch die fast unheimliche Gewissheit, mit der Pierre Boulez von Anfang an vorging und sich durchsetzte, als Komponist, Dirigent, Theoretiker, Macher, mit der er auch Kehrtwendungen und Revisionen vollzieht, ohne sich untreu zu werden, hat nichts von hybrider Selbstverwirklichung. Boulez, der heute vor 85 Jahren an der Loire zur Welt kam, ist – falls es so etwas geben kann – ein objektiver Künstler. Einer, der Musik weniger als Ausdrucksmittel denn als Forschungsgegenstand versteht – freilich als einen, der sozusagen über sich selbst nachdenkt.

Schon sein erster Auftritt in der internationalen Szene machte Furore. Ein 26-Jähriger erklärte 1951 bei den Darmstädter Ferienkursen, Schönberg sei tot. Der Erfinder der Zwölftonmusik habe seine eigene Erfindung nicht verstanden, denn die Aufhebung der Hierarchie der Töne müsse natürlich auf sämtliche Parameter angewandt werden, auch auf Tondauern, Lautstärke, Klangfarbe. Schlechthin alles müsse determiniert, dem Zugriff eines komponierenden Subjekts und seinen Emotionen entzogen werden. Er führte das zugleich mit seiner „Polyphonie X“ für Instrumente so radikal vor, dass die Donaueschinger Uraufführung die Avantgarde auf Jahre hinaus beeinflusste. Musik eines totalen Neubeginns, einer Absage an alle Botschaften. Das tat gut in einem durch Krieg und Ideologie verwüsteten Europa.

Dass er langsam komponiert, oft Jahrzehnte an einem Werk, hat mit seinem stets revidierenden Denken zu tun, aber auch mit seinem Terminkalender als Dirigent und Praktiker. Bahnbrechend war nicht nur sein legendärer Bayreuther „Ring“, die Entwaberung Wagners, bahnbrechend war auch das IRCAM, jenes Zentrum für musikalisch-akustische Forschung, das nach seinen Plänen in Paris entstand. Kaum zählbar die Komponisten, die Boulez anregte oder, wie György Kurtág, entdeckte und förderte, kaum zu ermessen sein Einfluss auf die Interpretation gerade jenes romantischen Repertoires, aus dessen Gravitation sich die Serialisten in die Schwerelosigkeit schossen – und in dem er Strukturen mit dem Blick des Avantgardisten freilegt.

Was das bedeutet, erlebten die Berliner zuletzt, als Boulez mit der Staatskapelle Mahler aufführte. Aus Chorfluten wurden transparente Farbwände, ein dreistimmiges Geigenpizzicato konnte auf ein Holzbläserpianissimo so punktgenau treffen wie in einem kosmischen Uhrwerk. Aus dem riesigen Werk entschwand alles Pathos. Der „Schöpfer Geist“ kam nicht von oben, sondern aus dem Drang nach Klarheit mitten in der Welt. Als Boulez vor drei Jahren in Wien das „Totenhaus“ realisierte, klang es, als komponiere er diese Musik gemeinsam mit Janacek noch einmal neu. Warum er nicht viel mehr Opern dirigiere, fragte man ihn. „Ich wäre schon im Sarg“, meinte er trocken. Er habe allerdings vor, 100 Jahre alt zu werden. Das sagte er mit der Ironie der Selbstverständlichkeit. So viel Zeit braucht er eben noch, mindestens – auch wenn Boulez längst weiß, dass selbst er nicht alles durchsetzen kann: „Man muss lernen, den Zufall zu akzeptieren.“ Volker Hagedorn

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben