Kultur : Immer in Bewegung

Der norwegische Designer Peter Opsvik optimiert das natürliche Sitzen

Rolf Brockschmidt
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Fragil. „Reflex 3“ von Peter Opsvik erlaubt Bewegungen in alle Richtungen. Foto: promo

Auf den ersten Blick sieht der Schaukelstuhl „Reflex 3“ des norwegischen Designers Peter Opsvik sehr fragil, ja, vielleicht auch unbequem aus. Ein einfaches Rohrgestell mit leicht geschwungenen Armlehnen aus Holz und dann eine Kopf-, eine Rückenlehne und eine Sitzfläche, die völlig losgelöst voneinander an zwei Schnüren zu schweben scheinen - eine vermutlich wackelige Angelegenheit. Peter Opsvik kennt diese Einwände. „Die Leute kaufen viel zu sehr nach dem Aussehen. Der optische Eindruck entscheidet beim Kauf, weniger die Funktion“, sagt er. Und in seiner Bewegungsbibel „Sitzen anders betrachtet“ schreibt er zum Funktionalismus: „Auch das skandinavische Möbeldesign, dem ich mich in vielerlei Weise eng verbunden fühle, war nicht sonderlich an den wahren Bedürfnissen des menschlichen Körpers beim Sitzen interessiert. Faktoren wie Ästhetik, Funktion, Herkunft des Materials, attraktive Details usw. waren mindestens genauso wichtig. ... Die stilistischen Ideale für häusliche Sitzmöbel, die im Kielwasser des Funktionalismus entstanden, haben es nicht vermocht - ja, es noch nicht einmal versucht, die Bedürfnisse des menschlichen Körpers stärker zu berücksichtigen.“

Mit „Reflex 3“ versucht Opsvik, seinem Ideal näher zu kommen. „Stellen Sie sich einmal gerade und ruhig hin. Achten Sie auf Ihre Bewegung! Stehen Sie wirklich absolut still?“ fragt er. „Nein, natürlich nicht. Selbst wenn wir stehen, bewegen wir uns immer. Völlig ruhig sind wir nur, wenn wir tot sind.“ Opsvik möchte den Menschen in Bewegung halten, weil es seiner Natur entspricht. „Wäre das Stillstehen die bequemste Position, würden Musiker und Sänger still stehen wie Statuen, wenn sie Lieder vortragen“, schreibt er. Und Menschen, die auf einen Zug warteten, würden auch ein wenig hin- und hergehen, ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagern.

„Wissen Sie, welche Position die beste ist?“, fragt er schelmisch. „Die nächste.“

Nach diesem Prinzip funktioniert auch „Reflex3“ für die Firma „Naturellement“ im norwegischen Alesund. Kaum sitzt man auf dem Schaukelstuhl, schiebt man die Einzelteile in die geeignete Position. Das Kopfteil stützt den Nacken, die Rückenlehne unterstützt die Wirbelsäule und der Rest ergibt sich von selbst. Wenn man nun in scheinbar kompletter entspannter Ruhe in diesem Schaukelstuhl verharrt, vielleicht sogar noch die Füße auf einen Puff gelegt hat, merkt man doch, dass der Körper leicht schwingt. „Es gibt nicht eine Postion, die für den Körper die beste ist. Die beste ist immer die nächste“ wiederholt Opsvik sein Credo und betrachtet zufrieden den minimal schwingenden Autor im Schaukelstuhl. „Unsere Muskeln sind für den dynamischen Gebrauch bestimmt und nicht für eine statische Belastung ausgelegt. Es ist weniger ermüdend für uns, unsere Muskeln zu benutzen“, schreibt Peter Opsvik in seinem Buch.

Peter Opsvik beschäftigt sich schon lange mit dem richtigen Sitzen. Sein bekanntestes Möbel ist wohl „balans“, der Stuhl der statt des Rückens die Schienbeine stützt oder der „Sattelstuhl“ „HAG Capisco“ von 1984, inzwischen ein Klassiker. Unzählige Sitzvariationen lässt dieser Stuhl zu und alle sind sie richtig nach Opsviks Auffassung. „Ich sah es als meine Aufgabe, Stühle zu entwerfen, die so viele Sitzhaltungen wie möglich erlaubten“. Ein Reiter im Sattel sitzt nach Opsviks Meinung viel bequemer, variantenreicher und damit natürlicher als ein Mensch auf einem normalen Stuhl. Daran hat er sich mit seinem Entwurf orientiert.

Wichtig ist ihm auch die Position der Füße. Die dürfe man nicht vernachlässigen, da sie im Idealfall ständig in Bewegung sind und auch ein Angebot brauchen. Zum Beweis führt er das Beispiel eines Flugzeuges an, in dem Mechaniker festgestellt hatten, dass an einer bestimmten Stelle des Armaturenbrettes immer der Lack abgewetzt war. Zuerst fand man keinen Grund dafür, doch genauere Untersuchungen ergaben, dass dies die einzige Stelle war, wo die Piloten in der Enge des Cockpits ihre Füße einmal abstützen konnten.

Sein berühmtester Stuhl ist vielleicht auch der demokratischste und der älteste: „Tripp Trapp“ von „Stokke“, 1972 entworfen für seinen Sohn, damit der auch auf Augenhöhe am Tisch sitzen kann. Ausgangspunkt für den Entwurf waren die aufgelegten Ellbogen auf dem Tisch. So ergab sich automatisch, dass die Sitzhöhe variabel sein musste. „Tripp Trapp“ war geboren. Peter Opsvik ist immer in Bewegung geblieben, auf der Suche nach der nächsten Position.

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