Kultur : Immer knapp über der Grasnarbe

Vom Genie eines Jahrhundert-Reporters

Gregor Dotzauer

International war er seit langem berühmter als Egon Erwin Kisch, mehr gelesen als Bruce Chatwin und mit der Bezeichnung Reporter ohnehin nicht mehr zu fassen. Wenn Ryszard Kapudcinski von seinen Landsleuten dennoch schlicht „Reporter des Jahrhunderts“ genannt wurde, lag das am Respekt vor einer Gattung, die in keinem europäischen Land virtuoser bedient wird als in Polen. Vor allem aber zeugt es vom Stolz auf einen Mann, in dessen Arbeiten sich die Erfahrung zweier Diktaturen, die des Nationalsozialismus und des Kommunismus, mit dem Eintauchen in die blutigen Konflikten der nachkolonialen Welt kreuzen. Kapudcinskis Werk lebt von der Konfrontation eines europäischen Selbstverständnisses mit den kulturellen Codes von Asien, Afrika und Lateinamerika.

Das Wesen des Journalismus, hat der Ungar Péter Nádas einmal gesagt, sei Hysterie. Er meinte damit eine Dauererregtheit, die nichts mit ihrem jeweiligen Gegenstand zu tun hat, die Unterwerfung von Ton und Dramaturgie unter das Gesetz der Verkäuflichkeit. Kapudcinski lag nichts ferner als das. Die ruhige Genauigkeit seiner Geschichten, ihr zunächst oft abseitig erscheinendes Schwelgen in Details, der Versuch, sich in das Drama ihrer Protagonisten einzufühlen, zeugte allerdings von einer Haltung, die ihn im Lauf der Jahre immer weiter aus der Zeitungswelt hinaus- und in die der Bücher hineinwachsen ließ. Zuletzt hatte er beschlossen, sich mit dem Urvater der literarischen Geschichtsschreibung zu messen, mit dem Griechen Herodot, dessen „Historien“ er ein halbes Jahrhundert zuvor begegnet war. „Mein Leben mit Herodot“ wurde eines seiner besten Bücher.

Ein Getriebener war er bei alledem dennoch. Kapudcinski, so schien es, hatte Angst, irgendwann, irgendwo aus dem Flugzeug zu steigen und nichts mehr zu verstehen. „Ich muss reisen“, glaubte er, „sonst habe ich keine Vorstellung von der Welt. Alles ändert sich – ich muss das sehen, ich bin verloren, wenn ich es nicht sehe.“ Und so reiste er noch, als es seine Gesundheit gar nicht mehr vertrug.

Das Polnischste an ihm war auf den ersten Blick die Sprache, in der er schrieb. Unter den Büchern, die er hinterlässt, befindet sich nur ein einziges, das sich mit seiner Heimat beschäftigt: „Der polnische Busch“ ist sein Debüt aus dem Jahr 1962. Danach schien er sein Land nur noch zu fliehen und jedes Drittweltland, jede Stadt zwischen Teheran („Schah-in-schah“) und Moskau („Imperium“) interessanter zu finden als Warschau oder Krakau. Man darf aber nicht übersehen, dass sich ein Buch wie „König der Könige“ über den Sturz des äthiopischen Kaisers Haile Selassie im Untertitel erstens „Eine Parabel der Macht“ nennt und zweitens in Polen auch als solche gelesen wurde. Es zog den Zorn der kommunistischen Parteiführung unter Edward Gierek auf sich und konnte nur in geringer Auflage erscheinen.

Die Grenze zwischen Literatur und Journalismus verläuft dabei weder zwischen Fiktion und Wirklichkeit noch zwischen poetischer Erkenntnislust und sachlicher Berichterstatterpflicht. Sie verläuft mitten durch die Sprache selbst: eine Sprache, die bei ihm alles so darstellen will, als könnte man es zum ersten Mal ansehen und als dürfte sich niemals eine Floskel in ihr Repertoire verirren. Kapudcinski bewegte sich mit wachsendem Geschick auf beiden Seiten.

Dass für ihn das spezifische Gewicht eines einzelnen Wortes am Ende womöglich soviel zählte wie die Last des Elends, das es tragen sollte, war für ihn ebenso ein Akt des Widerstands gegen die Banalisierung seines Gewerbes wie die Tatsache, dass er sich freimütig als Intellektuellen bezeicnete. Vertraut mit den Schriften des Anthropologen Clifford Geertz oder denen des Philosophen Emmanuel Levinas, betrachtete er sich als „Detektiv des Anderen“.

In seinem bisher nur auf polnisch vorliegenden „Selbstporträt eines Reporters“, einem Kondensat aus rund 100 Interviews, erklärt er, dass es Menschen gebe, die mit den Abgründen ihrer Seele so beschäftigt seien, dass sie darüber die restliche Welt vergessen würden. Anderseits gebe es unruhige Geister, die die Welt in ihrer ganzen Vielfalt erfahren wollten – Geister wie ihn. Das war, zumindest soweit es ihn betraf, ein absurder Gegensatz. Denn wenn es einen Reporter gab, der neben der äußeren Wahrheit zugleich für sich eine innere suchte, dann ihn. Es machte Kapudcinskis Genie aus, dass er den geschichtlichen Horizont mit wenigen Strichen in einen existenziellen verwandeln konnte.

Umgekehrt hätte er ohne seine Bereitschaft, sich mit Haut und Haaren auf Revolutionen, Kriege und Armut einzulassen, Geschichte erst gar nicht vermitteln können, „immer knapp über der Grasnarbe, dort, wo das Leben elend ist, wo eine Nacht noch eine eigene Erfahrung ist, wo man wegen giftiger Schlangen und Spinnen nur in einer Hütte bei schlechter Luft schlafen kann, wo man dann doch nicht schläft, weil es furchtbar viele Mücken gibt, wo man daliegt und sich tot fühlt, und der Tag bricht an, und man fühlt sich noch toter.“

Seine Reisen nach Afrika, nach Ghana, Ruanda oder in den Kongo, wie sie in „Afrikanisches Fieber“ gesammelt sind, waren deshalb auch Reisen in ein Afrika der Seele. Sooft er dem Tod von der Schippe gesprungen war, hatte er offenbar das Bedürfnis, ihn herauszufordern.

Kapudcinski glaubte nur sehr eingeschränkt an die Veränderbarkeit der Welt, aber er wollte sie wenigstens in ihrer Bedingtheit begreifen. Die politische Dimension eines Konflikts blieb für ihn bestimmend. Das unterschied ihn von anderen großen Reisenden wie Nicolas Bouvier, dessen Bücher er gleichwohl schätzte. Zuletzt lebte er mit sechs Bypässen. Drei Tage nach einer weiteren Herzoperation im Warschauer Banacha-Krankenhaus ist er am Dienstag mit 74 Jahren an einem Infarkt gestorben.

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