Kultur : Immer Meer

Inselkunst: Frederik Dag Arfst Paulsen und sein Privatmuseum auf Föhr.

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Auf Kolonialkurs. „La Méduse“, ein Bild des britisch-nigerianischen Künstlers Yinka Shonibare von 2008. Foto: Museum Kunst der Westküste
Auf Kolonialkurs. „La Méduse“, ein Bild des britisch-nigerianischen Künstlers Yinka Shonibare von 2008. Foto: Museum Kunst der...

Immer mehr Sammler errichten private Museen und stellen Kunst nach ihren Kriterien aus. Wie stark sie damit Einfluss auf Künstlerkarrieren, Institutionen und den Markt nehmen – diesen Fragen gehen wir in unserer Kunstmarkt-Sommerserie nach.

Zur Eröffnung des 13,2 Millionen Euro teuren privaten Kunsttempels von Frederik Dag Arfst Paulsen jun. in Alkersum auf Föhr kam sogar Königin Margrethe II. aus Kopenhagen. Denn ihr Land ist wie die Niederlande, Deutschland und Norwegen Anrainer der westlichen Nordseeküste, deren Kunst das junge Haus auf der Insel zeigt. Paulsens hochkarätige Kollektion von inzwischen 500 Werken zum Thema Meer ist erst seit gut zehn Jahren entstanden. Sein Interesse orientierte sich geografisch am Aktionsradius nordfriesischer Seeleute, die bis ins 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle in europäischen Walfang spielten.

Die Familie des Sammlers stammt aus Alkersum, das am 31. Juli 2009 eröffnete „Museum Kunst der Westküste“ war ein Geburtstagsgeschenk für seinen Vater Frederik Paulsen sen. Der lebenslange Liebhaber friesischer Sprache und Kultur, der vor den Nationalsozialisten nach Schweden floh, wäre am Datum der Einweihung 100 Jahre alt geworden. „Ich widme diesen Tag und das Museum meinem Vater,“ sagte Paulsen vor der Festgesellschaft und gelobte, „mit diesem Haus einen Teil des nordfriesischen Kulturguts allen Menschen zugänglich und erlebbar zu machen“.

So publikumsnah ist der Sammler und Museumsstifter selten zu erleben. Frederik Paulsen jun., Chef eines Schweizer Pharma-Konzerns, macht sein Geld weltweit mit Medikamenten zur Hormontherapie und ist „generell schwer erreichbar“, wie seine Deutschland-Zentrale in Kiel wissen lässt. Nach Alkersum kommt er „zu den Aufsichtsratsitzungen seines Museums, und wenn es sein Terminkalender zulässt, in unregelmäßigen Abständen“. Immerhin, Paulsens Firma, einst vom Vater im schwedischen Malmö gegründet, heißt „Ferring", angelehnt an die friesische Bezeichnung für Föhr. Paulsen jun. wurde in Stockholm geboren, wuchs in Schweden auf, studierte in Kiel Chemie, in Lund Betriebswirtschaftslehre und lebt heute in Lausanne. Der multilinguale Unternehmer gibt viel Geld für philanthropische Zwecke aus – für die Archivierung historischer Teppiche und Textilien in Bhutan ebenso wie für sein kleines, feines Privatmuseum auf Föhr.

Auf das Eiland schafft es der Manager allerdings selten. Sein Museum in Alkersum lässt er von einer versierten Crew aus Kunsthistorikern und Marketingexperten als Det Paulsen Legaat gemeinnützige GmbH betreiben, und sein Unternehmertalent bewährt sich auch dort: 45 000 Besucher kommen jährlich in das verschlafene 400-Seelen-Dorf, das vom Festland nur per Fährschiff zu erreichen ist. Laufkundschaft ist das nicht. Offenbar haben die Leute ein echtes Interesse an dem Spektrum verschiedener Stilrichtungen mit maritimem und insularem Bezug.

Schon das Gebäude lohnt die Überfahrt. Paulsen jun. hat sich für seine Sammlung vom norddeutschen Architektenteam Sunder-Plassmann dezent minimalistisch eine friesische Moderne mit 900 Quadratmetern Präsentationsfläche und viel Tageslicht gestalten lassen. Das preisgekrönte Ensemble versammelt sich um den im Stil eines skandinavischen Herrenhauses errichteten Dorfgasthof von Grethje Hayen, wo um 1900 in jedem Sommer Künstler logierten. Zu den Freiluftmalern, die das klare Licht der Nordseeküste goutierten, zählte der nordfriesische Impressionist Otto Heinrich Engel, Mitbegründer der Berliner Secession, der mit über 50 Bildern die Sammlung bestückt.

Doch Paulsen jun. hat, offenbar gut beraten, noch größere Namen zusammengetragen. Edvard Munch, Emil Nolde, Johan Christian Dahl, den Skagen-Malern Anna und Michael Ancher, Hendrik Willem Mersdag und Andreas Schelfhout hängen in den Ausstellungsräumen. Gleich im ersten Saal gibt es als Highlight Max Liebermanns „Badende Knaben“ und Max Beckmanns frühe „Strandlandschaft bei beginnender Flut“. Mit einem Jahresbudget von rund 1,5 Millionen Euro und 30 Mitarbeitern mischt der für die Entwicklung der Sammlung zuständige Direktor Thorsten Sadowsky in Abstimmung mit Paulsen und dem Aufsichtsrat den historischen Bestand laufend neu und rückt ihn an die Gegenwart. Als Neuzugang aus einer Auktion kamen unlängst Piet Mondrians Ölbild „The Old Mill at Oele“ (1907/08) für 122 000 Euro dazu,h Werner Heldts Ölgemälde „Berlin am Meer“ (1948) für 100 000 Euro und Lyonel Feiningers Buntstiftzeichnung „Männekens an der Küste“ (1935).

Vor allem die zeitgenössischen Sonderausstellungen locken junges Publikum ins Dorf. Kürzlich thematisierte die neu erworbene Fotoarbeit „La Meduse“ von Yinka Shonibare (2008) Schiffbruch-Katastrophen als Menschheitserfahrung. Der britisch-nigerianische Künstler hatte sich von Theodore Gericaults Gemälde vom Untergang der französischen Fregatte „Meduse“ 1816 inspirieren lassen. Shonibares Variante ersetzte die Schiffssegel durch Batikstoffe als Symbol für die Kolonisierung Afrikas. Parallel dazu stilisierte die Kölner Videokünstlerin Ute Behrendt junge Frauen von heute zu einsamen Mermaids – mit Naturaufnahmen von Wasserströmen und Meereshorizonten und einem offensiven Klangteppich aus Liebessongs und Wasserrauschen. Von historischer und kultureller Ferne spricht aktuell auch Trine Søndergaards Fotoserie „Strude“. Die Dänin hat Frauen und Mädchen in alten Trachten der Insel Fanø aufgenommen, mit Gesichtsmasken aus gemusterten Tüchern (dänisch: Strude) wie früher zum Schutz vor Wind und Wetter für Frauen üblich. Die Inszenierung verhüllter weiblicher Blicke erinnert absichtsvoll an die Gesichtsschleier von Musliminnen und an Burka-Sehschlitze.

In „Szenenwechsel“ im Gartensaal des Museums interpretieren fünf Künstler aus den USA, Kuba, Panama, Irland und Deutschland surrealistisch verfremdet das Verhältnis von Mensch und Natur in der globalisierten Welt. Zu sehen sind Flaggen schwingende Riesenameisen, eine Palme, die aus einer Polizeiuniform genäht wurde, ein seltsamer Bronze-Vogel sowie Videobilder von verschlungenen Plastiktüten und einem zum Motorboot umfunktionierten Bürotisch, mit dem das Duo Allora & Calzadilla über das türkisblaue Meer zur puertoricanischen Insel Vieques mit ihrem durch US-Manöver kontaminierten Ökosystem schippert.

Frederik Paulsens Kunstinteresse am Meer macht vor brisanten umweltpolitischen Fragen nicht halt. Der toughe 62-Jährige, der 2007 eine russische Unterwasserexpedition zum schmelzenden Nordpol finanzierte und in einem Drei-Mann-U-Boot begleitete, hat soeben mit dem originellen „Föhr Reef“ ein ökologisches Signal für die Südhalbkugel gesetzt: Als Satellit des internationalen Kunstprojekts „The Hyperbolic Crochet Reef“ der Schwestern Margaret und Christine Wertheim aus Los Angeles ließ sein Museum von Handarbeitsfans ein farbenfrohes künstliches Korallenriff aus Wolle häkeln, um auf die latente Bedrohung der einzigartigen Biosphären aufmerksam zu machen. Zur Vernissage der Ausstellung kamen trotz Wind und Regen 700 Besucher, darunter viele aus Dänemark. Paulsen selbst war verhindert.

Museum der Westküste, Hauptstr. 1, Alkersum (Föhr), www.mkdw.de

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