Kultur : Immer nach vorne, Mann

Klaus Doldinger holt in der Philharmonie seinen 70. Geburtstag nach

Johannes Völz

Er kommt allein. In Turnschuhen, heraushängendem Hemd unter dem schwarzen Sakko. Die blonden Haare reichen fast bis auf die Schulter. Deutschlands berühmtester Jazz-Musiker, der am 12. Mai 70 Jahre alt geworden ist, scheint geradewegs vom Strand in die Philharmonie zu kommen. Klaus Doldinger ist auf Feier-Tournee, hat alte Weggefährten eingeladen, spielt sich Konzert für Konzert durch seine eigene Galashow. Noch ehe er sein Saxofon umschnallt, greift er nach dem Mikrofon. Und aus dem Beach Boy wird Onkel Klaus, der aus seinem langen Leben erzählt. Kindheit im Krieg, Flucht nach Bayern aufs Land, wo er zum ersten Mal eine schwarze Band hört. Es folgen die Aufnahme am Konservatorium in Düsseldorf im Alter von elf Jahren, später lange Abende im Düsseldorfer Hot Club, wo 30 Jazzfans den neuesten Platten aus Amerika lauschten.

Doldingers Biografie: Das ist deutsche Geschichte und Jazzgeschichte zugleich. Und etwas von der Mentalität einer ganzen Generation verrät sein Auftreten auch: Die eigene Tatkraft kehrt er ungeniert nach außen, und doch ist er nie der hochfliegende Maestro. Wenn er plaudert, sitzt man sofort im deutschen Wohnzimmer. Und wer war schon so präsent in der guten Stube wie er, der die Musik des deutschen Fernsehens komponiert hat – die Titelmelodien von „Tatort“, „Liebling Kreuzberg“, „Wolffs Revier“, und dazu das ganze angejazzte Vokabular der Krimiuntermalung.

Er setzt sich ans Klavier, improvisiert ein paar Takte über seine Kindheit – „von Hänschen Klein über Schumann und Bach in den Blues hinein“. Er lässt sich ablösen von Ingfried Hoffmann, seinem Pianisten aus Jugendtagen, und bläst endlich in sein Tenorsaxofon. Ein paar blue notes reichen schon. Dieser Sound, dick und dunkel. Dieses Timing, so wahnsinnig relaxt. Ein großer Techniker war Doldinger nie, aber was er spielte, war stets aus einem Guss. Sicher: „Autumn Leaves“, „A Night in Tunisia“, die Standards, die er in den Sechzigern mit seinem Quartett spielte, schleppen sich heute dahin.

Und doch erkennt man noch, was Doldinger zum ersten deutschen Jazzexport machte. Es war radikale Vereinfachung: Meine Seele und ich. Den 20-Jährigen schleifte einst der Produzent Siggi Loch, heute Chef des Münchner Labels Act, ins Philips Studio Hamburg-Harburg. Loch stand selbst am Anfang seiner Karriere und spürte wohl, was in dem Saxofonisten schlummerte. „In einem Anflug von Größenwahn“, wie er heute sagt, setzte er die erste Doldinger-LP durch. Mit welcher Kraft der im Studio loslegte, führt eine gerade erschienene 4-CD-Box seiner gesamten Philips-Aufnahmen aus den Sechzigern vor Augen.

Vielleicht war es die Anziehungskraft der Bilder, die ihn ab 1970 zum Rockjazz hinzog. Denn obgleich „Fusion“ die Vermischung von Jazz und Rock bezeichnete, ging es bei Doldingers Band Passport fortan um die Vermischung von Bild und Musik. Er lieferte stets den Soundtrack zu imaginären Filmen. Und er bestückte den Bandsound mit Mitbringseln seiner Reisen, am liebsten aus Südamerika. Und das lange bevor der Begriff „Weltmusik“ Verbreitung fand. An diesem Konzept hält er bis heute fest. Nur ist er mittlerweile auf Mittelmeer-Kurs: Kamelhaarbassspieler und nahöstliche Sänger hat er für sein gerade erschienenes Album „Passport to Morocco“ (Warner) eingeladen und nun mit in die Philharmonie gebracht. Zwar gönnt er seinen drei marokkanischen Gästen ausgedehnte Soli, doch am Ende passt er sie nahtlos ein in Synthie-Schichtungen und E-Gitarren-Geheule. Heraus kommen Klangfilmchen, bei denen nicht mehr unsere Fantasie Regie führt, sondern die Macher der Fernsehwerbung.

Rettung kommt in solchen Fällen von einzelnen Mitspielern. Doldinger hat es in 35 Jahren Passport verstanden, junge Talente um sich zu scharen. Der Münchner Keyboarder Robert DiGioia ist so einer: Er übertrumpft den Boss nicht nur an Virtuosität, sondern öffnet auch noch die Tür in die Klangwelt der Nujazz-Clubs. Gemeinsam mit dem langjährigen Passport-Drummer Wolfgang Haffner und dem Bassisten Dieter Ilg hat DiGioia nun ein Geburtstagsalbum eingespielt, „Abracadabra“ – wohl auch ein Geschenk von Produzent Siggi Loch an seinen einstigen Schützling. Doch überraschenderweise polieren die drei Doldingers Greatest Hits nicht zum Clubjazz auf, sondern treten als klassisches Klaviertrio auf. Eine Entdeckung! Man glaubt, „Liebling Kreuzberg“ sei immer schon eine leicht dahinschwebende Jazzballade gewesen.

Für derlei Feinsinnigkeiten ist beim Konzert allerdings kein Platz. Stattdessen kommen zum Abschluss 15 verschiedene Musiker auf die Bühne, darunter zwei komplette Passport-Formationen, und rocken im Disco-Licht. Ehrengast Udo Lindenberg gibt das Motto vor: „Immer nach vorne, Mann, immer nach vorne“!

„Early Doldinger – The Complete Philips Sessions“, eine 4-CD-Box, ist bei Boutique/Universal, „Abacadrabra“ mit DiGioia, Ilg und Haffner bei Act erschienen.

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