Kultur : Immer nur das eine

CHRISTINE WAHL

"The One You Love" - zu deutsch "Den du liebst" - könnte man vielleicht am besten als eine Art konsequente Verdichtung von Mark Ravenhills "Shoppen und Ficken" beschreiben: Im Stück des neununddreißigjährigen Briten Tim Luscombe, das Jan Oberndorff jetzt mit dem Berliner Männerensemble in deutscher Erstaufführung in der Baracke inszenierte, wird nur noch gefickt.Oder eben - ersatzweise - über (schwule) Sexualpraktiken zumindest geredet.

Bei allem detaillierten Realismus allerdings, in dem etwa der kindliche Frizz (Frank Benz) beschreibt, wie ein schillernder Holländer namens Sam (Dirk Borchardt) mit sechs Reißzwecken seine Vorhaut auf dem Tisch festnagelte, schwingt sich das Stück zu sehr gegenständlicher Metaphorik auf: Es beginnt im Frühjahr und im Osten, wo die Lebensphilosophie der beiden HIV-positiven Mittzwanziger Moon und Marty - "Kein Fernsehen, keine Merkblätter, kein steriles Sexleben, kein Gummi" - noch kaum sichtbare Folgen gezeitigt hat.Der zweite Akt ist in Gestalt einer dreimonatigen Sommer-Party im Süden des Landes angesiedelt, wo der bejahrte Lederträger Don (Patrick von Blume), der keimfreie häusliche Amerikaner Dominic (Stephan Lohse) sowie Una - eine siebzigjährige Erscheinung, die auf Wunsch des Autors "weder einen Transvestiten noch eine Transsexuelle, sondern ihre eigene Kreation" darstellen soll - das Personal komplettieren.Für die Prophezeiung des Finales im winterlichen Norden sind also keine überdurchschnittlichen seherischen Qualitäten vonnöten.

"The One You Love" ist - mit anderen Worten - ein aktueller Versuch über die Sehnsucht, sich wenigstens mit Hilfe von Eisenstangen und Skalpellen oder eben im selbstmörderischen Risiko zu spüren; eine Studie über fanatisch-naives Aussteigertum und darüber, wie man den Glauben an sowas wie bedingungslose Liebe bewerkstelligt.Nur eignet Tim Luscombe - wie vielen seiner trendigen Kollegen - der Hang, sich vornehmlich an der sichtbaren Oberfläche abzuarbeiten; sprich: sich im Fingerzeig auf die Symptome der allgegenwärtigen Morbidität zu erschöpfen und die Handlungsmotivationen eher im Off stattfinden zu lassen.Deshalb bleibt sein wortreiches Blut-und-Sperma-Sujet größtenteils eine irgendwie blutarme Behauptung; zu entfernt jedenfalls, um wirklich wehzutun.

Der Regisseur nun, Jan Oberndorff, gehört - wie man aus seinen Inszenierungen von Shakespeares "Romeo und Julia", Goldonis "Krach in Chiozza" und Euripides` "Die Bakchen" weiß - zu jenen, die aus ihren Vorlagen keine zwanghaft kultigen Farcen destillieren und ihre Figuren nicht an einen falsch verstandenen Komödiantismus verraten müssen, sondern die sich aus subtiler Komik zielsicher in die Tragödie und wieder zurück schwingen können.Und diesem Ansatz ist das Ensemble - in Mark Rosinskis spartanischem Bühnenbild - auch bei "The One You Love" gefolgt.Genüßlich läßt Oberndorff also Klischees ironisieren, was naturgemäß in jenen Momenten am wirkungsvollsten daherkommt, wo seinen Darstellern ein einziger zielsicherer Blick oder die Andeutung einer Handbewegung ausreichen und was immer ein bißchen zu laut wird, wenn Tim Herberts Una mit allzu übereifriger Schwuchteligkeit aufwartet.Und bedingungslos läßt Oberndorff Moon und Marty, den Todgeweihten, auch ihre Tragödie: Francis Codjoe und Mathias Noack sind wahnwitzige Naive, die sehr genau zwischen einem beklemmenden, weil nicht zu kanalisierenden Energieüberschuß und dem zunehmenden Verfall changieren.Nur läuft das mutige Bekenntnis zur Tragik irgendwie ins Leere, weil der Rahmen etwa eines Luscombeschen Marty, der letztlich die Eingeweide seines toten Geliebten verschlingen und erbrechen muß, bevor er selbst stirbt, eben irgendwie zu eng ist.

Nächste Vorstellungen: 1., 2.April, 20 Uhr, Werkraum der Baracke

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