Kultur : Immer treu gedient

Mit Kübelspritze und Knebelkette: Eine Ausstellung über die Polizei im NS-Staat im Deutschen Historischen Museum

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Verstrickt ins Verbrechen. Polizisten in Bremen, Juni 1943. Foto: Staatsarchiv Bremen/DHM
Verstrickt ins Verbrechen. Polizisten in Bremen, Juni 1943. Foto: Staatsarchiv Bremen/DHM

Als Pickelhauben-Schupo, der sich einen Hitler-Schnäuzer aus dem Straßendreck klaubt und ins Gesicht klebt, dann in einem Verschlag mit der Aufschrift „Keine Toilette" verschwindet und, schwupps, als persilweiß strahlender Verkehrspolizist herausstolziert, bringt Heinz Erhardt die deutsche Ordnungshüter-Geschichte des 20. Jahrhunderts für das Deutsche Historische Museum (DHM) kabarettistisch auf den Punkt. Seine Filmszene („Natürlich die Autofahrer“, 1959) bleibt allerdings, am Eingang vorgeführt, das einzige heitere Exponat einer 1000-Quadratmeter-Ausstellung, deren Brisanz sich im Kleingedruckten offenbart.

Zum Beispiel in dem auf acht Schreibmaschinenseiten getippten Bericht des Paul Salitter, verfasst an Weihnachten 1941. Mit fünfzehn Untergebenen bewachte der 43jährige Hauptmann der Schutzpolizei vom 11. bis 17. Dezember 1941 einen „Evakuierungs“-Zug für 1007 Juden aus Düsseldorf und Umgebung.

Sein kühler Rapport erwähnt den korrekt verhinderten Suizidversuch eines Juden, der sich noch am Abfahrtsort vor die Tram wirft; ferner, dass die Nöte einer sterbenden 14Jährigen sich als „Herzbeschwerden während der Periode“ entpuppen; dass er als Vorgesetzter seine Männer zu schärferem Vorgehen anhält; dass zahlreiche Pannen der Bahn, zur Verbesserung künftiger Transporte, zur Vermeidung von „Fluchtversuchen“, behebbar wären. Nach der Ablieferung der Juden in Riga werden diese – nun geht es um Rückreise-Details – von Salitter nicht mehr genannt. Auf der letzten Seite seines Berichts steht aber noch eine Strichliste für 1007 Personen, aufgeteilt nach Männern, Frauen, Alter: 1 - 6; 6 - 14; 14 - 18; 18 - 50; über 50 Gesichter zu den Abzähl-Strichen sind auf Fotos einer dem Salitter-Kommando vorausgegangenen Deportation in Moers (vom 10.12. 1941) an derselben Museumswand zu sehen. „Ordnung und Vernichtung. Die Polizei im NS-Staat“ heißt das ambitionierte DHM-Unternehmen. Erstmals wird dieses – bislang durch Fokussierung auf den Terrorapparat samt Gestapo verdrängte – Thema in einer Ausstellung untersucht.

Auch die Gestapo kommt vor, steht aber nicht im Zentrum. 300 000 Ordnungspolizisten gab es im „Dritten Reich“. Das anfängliche Zahlenverhältnis von 10 000 Gestapo- und 30 000 Kripo-Beamten kehrte sich bis zum Ende des Krieges um. Das Dilemma der Proprotionen bei der Gesamtdarstellung dieser Berufsklasse betrifft jede um Aufmerksamkeit werbende historische Vermittlung: Nicht unauffälliger Alltag wird präsentiert, sondern Verstrickungen, Vertuschungen, Verbrechen und Beihilfe, Exzesse und die Massenexekutionen durch Polizeibataillone. Die Kollaboration von Polizisten in besetzten Ländern wiederum blendet die Ausstellung, da sie geschichtspädagogisches Neuland betritt, vorerst aus: um nicht gleich in den Fettnapf der Selbstentschuldung zu tapsen.

Zur besseren Veranschaulichung sind im DHM verschiedene Objekte ausgestellt. Der als Abrüstungsfortschritt in Weimarer Jahren eingeführte Gummiknüppel; die grüne Kübelspritze der Feuerwehrpolizei; eine Knebelkette, verwendet für Sinti und Roma; eine Maschinenpistole, Marke Schmeisser; braunes Mobilar vom Erkennungsdienst. Das stolze Prunkstück ist ein schwarzer Ford Eifel als Gestapo-Limo par exellence, samt Flugzeug-Kühlerfigur, leuchtenden Scheinwerfern, türkisfarbenem Blaulicht. An diesem Oldtimer-Traum zeigt sich, wie zwiespältig so eine Erzählung über den „Freund und Henker“ funktioniert. Der sozialpsychologische Kern des Missbrauchsplots, das Trauma der verbrecherisch pervertierten Instanz „Vater Staat“, vermittelt sich kaum über sexy geschwungene Kotflügel.

Wie brave Kerle mit gewöhnlicher Ich-Schwäche, weil sie nicht als Schwächlinge gelten wollen, Massenmörder werden, haben Christopher Browning und Harald Welzer bedrückend analysiert. Die DHM-Schau gipfelt, unter der missglückt-verspielten Überschrift „Grenzenloses Morden“, in Beispielen und Täter-Biographien aus dem Horrorkapitel „im Osten“. Das Besondere dieser Darlegung aber ist ihr Blick auf eine innere Kernspaltung – im Wertesystem. Wer begreifen will, warum Ordnung (den schönen Begriff übersetzen Humanisten mit dem griechischen Wort „Kosmos“!) spätestens für die 68er eine faschistisch kontaminierte Vokabel wurde, sollte dieses Material über einen Aspekt des staatlichen Gewaltmonopols genau durchsehen.

Zum Beispiel das unauffällige Blatt mit zehn „Grundsätzen für die Polizei“, in denen es um den Eid (auf Führer und Volk), Pflichten, engagierte Haltung, Ehrlichkeit, Pflege des Äußeren, Gehorsam und Kameradschaft, die Waffe („größte Ehre des deutschen Mannes") sowie Leistung und Anerkennung geht. Grundsatz 4 etwa lautet: „Behandele jeden so, wie du selbst behandelt werden willst.“ Und Grundsatz 6: „Hilf dem, der deiner Hilfe bedarf“.

Er habe dem Vaterland unter Ebert, Hindenburg „und im dritten Reich treu gedient“, argumentierte Paul Salitter, als er sich 1947 um Wiedereinstellung bewarb. Er wurde abgelehnt, eine Ausnahme von der Regel. Von den 1007 Juden seiner ordentlichen Strichliste haben 98 überlebt.

Deutsches Historisches Museum: bis 31.7., tgl. 10 bis 18 Uhr.

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