Kultur : Immer wieder letzte Lieder

Sechzehn Jahre sind genug: Die Band Blumfeld gibt in Berlin ihren Abschied

Kai Müller

„Ein Lied Mehr“, prangt als Losung auf den Blumfeld-Shirts, die am Verkaufsstand in nicht eben fröhlichen Farben hängen und den Abschluss einer 16-jährigen Popkarriere markieren. „Ein Lied mehr“, das war auch die erste Zeile des ersten veröffentlichten Blumfeld-Songs: „Ein Lied mehr, das dich festhält/ und nicht dahin lässt, wo du hinwillst/ weg von hier“, deklamierte Jochen Distelmeyer 1991 in „Ghettowelt“ so energisch, unbestechlich und humorlos, dass man ahnte – da würden noch sehr viel mehr Lieder folgen.

Sechs Alben und vier Band-Umbesetzungen später ist Schluss. Die Gruppe, von deren Urform nur Schlagzeuger André Rattay und Mister Blumfeld himself Jochen Distelmeyer übrig sind, verabschiedete sich mit zwei Konzerten im Postbahnhof von ihrem Publikum. War im Anfang das Ende schon beschlossen? Oder hat sich die Band einfach leergespielt?

Musik bietet keinen Ausweg, diese Erkenntnis schleuderten Blumfeld bereits in ihrer Entdeckungsphase den Zuhörern entgegen und verstiegen sich danach in immer neuen Versionen zu einer Klangwelt, die quasi mit sich selbst im Clinch lag: Was wir lieben, das hält uns auch gefangen. Insofern kam der Abgang der wichtigsten deutschsprachigen Band der letzten Jahrzehnte, zumindest für die „Generation Matchbox“, wie Distelmeyer seinesgleichen nannte, nicht ganz überraschend. Ein harter Schnitt schien unumgänglich, um sich aus der emotionalen Umklammerung des auf „Diskurse“ festgelegten Projekts zu befreien. Versöhnungsgesten durfte man da nicht erwarten, obwohl das normalerweise der Zweck von Beerdigungen ist.

Trotzdem ging man nicht enttäuscht in die Nacht hinaus, als sich Distelmeyer & Co nach zweieinhalb Stunden und zwei Zugaben mit einem spröden „Das war’s, danke“ verabschiedeten. Noch einmal hatte das Quartett mit Bassist Lars Precht und Keyboarder Vredeber Albrecht sämtliche Themenkreise durchmessen, die Hits gespielt und den Blick auf die Risse dieser Welt geworfen, aus denen immer auch Zuversicht strahlt. „Die Welt ist schön, ich lebe gern“, lautete die letzte Distelmeyer-Zeile, die in ihrer irdischen Schlichtheit etwas Rührendes besaß.

Begonnen hatte die Selbstabdankung mit der Geburt des Erzählers aus dem Schmerz. Eigenartig, wie Distelmeyer sich in „Draußen auf Kaution“ als Kummerfigur inszeniert. Das Stechen im Herz, das Rasen im Hirn treiben ihn unter die Menschen, bei denen er sich auch nicht wohl fühlt. Da ist er bereits der Einzelgänger, der er nach dem allerletzten Blumfeld-Auftritt Ende Mai in Hamburg wirklich sein wird. Die Frau, die neben ihm liegt, leblos (doch nicht etwa erschöpft?), ist in diesem frühen Song bloß eine Gelegenheit, über die er kühl hinweggeht.

Folgerichtig treten als Nächstes die Gespenster auf, die ihn in Ermangelung anderer verlässlicher Gefährten auf sich selbst zurückwerfen („Mein System kennt keine Grenzen“). In schneller Folge wechselt der Sänger die Gitarren, lässt sie sich von Thomas Wenzel reichen, dem Bassisten der Sterne, der gelegentlich melodische Funken in den manischen Akkordstrom streut. Die Band klingt wie die Quersumme ihrer Entwicklungsphasen. Mal dominieren wie früher die kantigen Gitarren, mal das Piano, das auf majestätischen Klangsäulen ruht. Drummer Rattay sorgt derweil stoisch für den Beat, der immer derselbe ist und die erschreckende Banalität dieser Musik umso schärfer ins Bewusstsein rückt. Up-Tempo-Nummern rattern im biederen Gleichtakt eines historischen Rock’n’Roll-Gefühls.

Gewiss, um musikalische Sensationen geht es nicht. Vielmehr setzt die Band Song um Song eine Figur zusammen, die immer liebesfähiger wird und liebenswürdiger, politisch reifer, entschlossener. Aus der Selbstbefragung in „Ich – wie es wirklich war“, der bitteren Erkenntnis in „Tics“, dass der eigene Zorn verpufft, und der noch bittereren Feststellung, dass – biologisch gesehen – ohnehin alles umsonst ist („Eintragung ins Nichts“), geht eine schwärmerisch-ironische Entkrampfung hervor. „Der Apfelmann“ gerät denn auch zur Lockerungsübung des bislang andächtigen Publikums. „Man muss auch mal was Verbotenes tun“, sagt Distelmeyer und will den Saal als BackgroundChor gewinnen. Das wirkt, wie alles, zu bewusst. Doch ihn, der die „Spielverderber“ einst zu Rebellen der Spaßgesellschaft kürte, von eben solchen umringt zu sehen, bräche einem das Herz. Und so lässt man sich mitreißen, krakeelt Blödsinn: Aaaaapfelmaaahhhaa-haan.

Das wogende „So lebe ich“, eine Art Manifest, beschließt den Abend. Ein großartiger, langer Song, wunderbar gespielt. Danach bleibt eigentlich nichts mehr zu sagen. Doch da es ein Abschied ist, bei dem die richtigen Worte fehlen, treibt die Band ihr Spiel weiter. Zugabe um Zugabe. Bis zur Erschöpfung. Das Leben ist schön.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben