Kultur : Immer wieder Nattenklinger

Christiane Peitz

Das ist doch nur ein Film, sagt der Regisseur. Sein Hauptdarsteller will partout nicht schießen: Christian Blank hat an der fiktiven Zonengrenze eine reale Tötungshemmung. Aber dann geht er auf einen anderen Schauspieler los, mit üblen Folgen. Bloß weil der eine Uniform trägt und Sprüche macht von wegen Zackzack und Haltung annehmen. Auch Blank landet im Krankenhaus, bei der Psychiaterin. Und erzählt ihr sein Leben.

Ein seltsames Leben. Eines, in dem sich die Zeiten verwirren und die Räume nach innen stülpen, in eine Märchenwelt, eine Spielzeugwelt, eine Paranoiawelt: die DDR als Irrwitz und Wahn. Diesen schleichenden Prozess der Verunwirklichung der Bilder kennen wir schon - aus Filmen wie "Sonnenallee" oder "Helden wie wir". Aber Regisseur Olaf Kaiser retuschiert die Erinnerung an den Realsozialismus auf seine Art. Ich ist ein anderer oder so, schreibt Soldat Blank vom Grenzposten Ödeleben an die Freundin im fernen Berlin. Oder so: Diese Unschärferelation macht das Besondere von "Drei Stern Rot" aus. Kaiser, ehemaliger DEFA-Dramaturg, setzt seine Unschärfen so präzise, dass sich die Lehr- und Leidensjahre des DDR-Bürgers Blank zur Identitätsstörung eines Menschen verdichten, der permanent drangsaliert wird.

Eine Farce also, eine Groteske. Und ein Sabotageakt an vermeintlichen Gewissheiten, der dennoch Position bezieht: Der Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit ist unter den Bedingungen der Unfreiheit nicht möglich. Der ehemalige DDR-Grenzsoldat Blank (Rainer Frank mit dem Ernst des Kinds im Manne) blendet zurück: Wie Mirco Nattenklinger mir das Leben zur Hölle machte und wie ich vergeblich versuchte, dieser Hölle zu entkommen. Immer wieder Nattenklinger. Er taucht auf als Geburtshelfer, Lehrer, Ausbilder, Major, Bundesgrenzschützer (Dietmar Mössmer als verkniffen autoritärer Charakter): ein Monster - in Blanks Augen. Ganz im Gegensatz zu Freundin Jana (Meriam Abbas): ein Engel - in Blanks Augen. Mit Jana will er in den Westen abhauen, aber vorher studieren, deshalb muss Blank zur Armee.

Mach mal einen Plan. Bei den Grenztruppen ist alles ein Planspiel: mit Dienstnorm, Sportnorm, Schießnorm, Essensnorm. Vier Minuten für drei Stullen, zwischen Uffz (Unteroffizier), Drei Stern Rot (die Leuchtrakete bei illegalem Grenzübertritt) und Kameraden wie Nuth (der sich am gleichnamigen Fleckentferner berauscht). Olaf Kaiser gestaltet die unmerklich in den Horror abdriftende Erzählung seines Helden immer episodischer. Die goldgelben Farbfilter der Kindheits-Stationen weichen grellem Gegen- und fahlem Zwielicht, die Dialoge werden knapp, die Sprüche zackig. Erst ist es Spaß, dann Sprachverlust: ein Wörterknast. Man könnte abhauen. Aber was wird dann aus dem Plan?

Als Blank ein letztes Mal auf Nattenklinger losgeht, gefriert das Bild. Therapie zwecklos: Auch der Grenzgänger erweist sich als Wiedergänger. Immerhin eine Art Widerstand. Auf solche wie Sie, hat Nattenklinger immer wieder gesagt, können wir verzichten.

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