Kultur : Immer wieder sonntags: Auf der Suche nach dem Neocortex

Renée Zucker

Wusstest Du eigentlich, dass unser Gehirn aus drei Teilen besteht?", fragt Elzie mit diesem triumphierenden Unterton, den sie drauf hat, seit wir Besitzer unseres neuen, 24-bändigen Nachschlagewerkes sind. Seitdem betreibt Elzie nämlich eine Art Blind Date mit dem Wissen. Zuerst streicht sie mit geschlossenen Augen an der Brockhaus-Reihe im Regal entlang und piekst auf irgendeinen Band. Der wird in alle Richtungen gedreht und gewendet, und so lange geschüttelt, gerührt und geblättert, bis es gut ist, und wo immer der Finger einhakt, das lernen wir für den jeweiligen Tag.

Heute ist also unser Gehirn dran. "Drei Teile?", frage ich interessiert, aber da legt Elzie schon los: "Nicht nur das - sie sind auch verschieden alt. Der älteste Teil entspricht dem Reptilienhirn und ist für Angst, Alarm und Arterhaltung zuständig."

"Toll", staune ich, "dass sich das älteste Hirn gleich den ersten Buchstaben im Alphabet gesichert hat."

Elzie verdreht nur die Augen. "Das zweitälteste Hirn", fährt sie unbeirrt fort, "ist der Mesocortex, eigentlich für niedere Säugetiere wie das Nashorn geplant- er spielt übrigens die entscheidende Rolle in unserem emotionalen Verhalten. Allerdings fehlt ihm wie dem Reptilhirn die Fähigkeit, Gefühlen sprachlichen Ausdruck zu verleihen. Nein, wir wollen das jetzt nicht feministisch interpretieren, bei wem wohl diese beiden Teile größer sind", doziert sie, "jeder hat diese drei Gehirnteile. Kaum war der Mensch vom Baum runter, legte sich der Neocortex mit seinen Millionen von Neuronen pro Quadratzentimeter wie eine Rinde über das Säugetierhirn und ließ uns erkennen, wie kompliziert und nahezu unbegreiflich das Leben ist."

"Klasse," sage ich, "steht in Deinem schlauen Buch auch, wann wir mit dem vierten Teil rechnen können, der uns die ganze Angelegenheit wieder ein bisschen erleichtert?" "Das kann dauern", antwortet Elzie fröhlich, "wir nutzen ja erst ein Hundertstel unserer Denkkapazität." "Das erklärt allerdings einiges", beginne ich zu verstehen. "Welches der drei Gehirnteile ist denn für dieses Inquisitionsdramolette mit Bußaufruf zuständig, bei der gerade jedes Weichei sein Mütchen am Außenminister kühlen darf und alte Rechnungen unter dem Deckmäntelchen des Staatstragenden beglichen werden?"

"Na, das gleiche, das schon bei Clinton und Monica aktiviert wurde", sagt Elzie. "Es handelt sich dabei um eine miese Pampe, die entsteht, wenn das Reptilienhirn in Alarmbereitschaft ist, weil der Mesocortex in den tiefsten Abgünden von Eifersucht, Neid, Rache und Leidenschaft schwimmt, und der Neocortex so tut, als ginge es um ein gesellschaftliches Problem."

"Vielleicht hat es aber auch etwas mit einem Opferritual zu tun", überlege ich, "früher wehrte man die bösen Dämonen mit dargebotenen lupenreinen Jungfrauen ab -" "und weil wir die nicht mehr haben, nimmt man heute olle Außenminister?" fragt Elzie zweifelnd. "Ich glaube, an die ganze Sache muss Kenneth Starr dran. Der hat der Pampe in seinem Gehirn bisher noch am besten Ausdruck gegeben."

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