Kultur : Immer wieder sonntags: Aus dem Ich herausblinzeln

Für jeden Menschen gibt es eine spezielle Hölle. Der eine erträgt Musik am laufenden Band, gerät dafür aber in Panik, wenn er im Winter auf dem Land übernachten muss, und draußen alles ganz still ist. Der andere toleriert schwer verschnupfte Menschen dutzendweise um sich herum, aber dafür hält er es keinen Nachmittag lang mit sich allein aus. Und dann gibt es noch die kleinen Unarten. Auch da reagiert jeder unterschiedlich allergisch, je nach Erziehung, Hintergrund und Sozialisation.

Was ich zum Beispiel nicht ausstehen kann, sind Parkplatzdiebe. Gerade an den schlechtwettrigen Samstagen spielen sich in den Einkaufszentren und Kaufhausparkhäusern Szenen ab, wie aus einem Lehrfilm zum Thema Darwinismus. Die parkplatzerobernde Kriegsführung wird feldherrenartig ausgefeilt; man blockiert etwa eine gerade frei werdende Lücke im Parkhaus mit einem heftigen Satz rückwärts, besteht den Nerventest von zehn Hupen im Dauerton, beißt die anderen Anwärter schließlich weg - und dann nichts wie rein. Alternativ wird der Umstand ausgenützt, dass man selber nur rechts einbiegen muss, obwohl der andere, der Linksabbieger offensichtlich schon länger wartet. Oder aber man spuckt einen Mitfahrer aus und lässt ihn sich in eine Lücke stellen, die man aus der Ferne erspäht hat, mit dem Auftrag, diese nun ungeschützt gegen jeden Autofahrer zu verteidigen.

Als nicht von Blech umgebener zerbrechlicher Mensch diesen von Wut gesteuerten Wohlstandslimousinen standzuhalten, erfordert schon ein paar Nerven. Man kennt ja den Punkt nicht, an dem die Leute ausrasten und einen wirklich mal gegen die Wand drücken. Das hat auch was mit der Ich-Welt zu tun, in der wir leben.

Persönlich leide ich nicht mehr sehr unter dem Parkplatz-Darwinismus, seitdem mir klar ist, dass ich eines schönen Tages einem besonders bösartigen Parkplatz-Dieb einfach mal volle Kraft voraus reindonnern werde. Oh, wird das eine Lust und Erleichterung sein! Sicher teuer, aber sicher die Sache wert.

Die andere Unart, die ich nicht leiden kann, bewegt sich glücklicherweise auf erheblich weniger martialischem Terrain, aber indiziert die gleiche Schwäche unserer Ich-Gesellschaft. Man kommt nach Hause oder ins Büro, ist in Eile, und der Anrufbeantworter ist zugetextet von Leuten, die man in seinem Leben vielleicht ein, zwei Mal gesehen hat, deren Visitenkarten bestenfalls in der falschen Handtasche stecken, wahrscheinlich in der Schublade des jeweils anderen Lebensortes oder auch in irgendeiner Autoritze, und diese Menschen bitten um sofortigen Rückruf mit dem nonchalanten Hinweis "Nummer hamse ja".

Selbst wenn ich sie hätte, müsste ich erst die Karte aus dem Karteikasten ziehen, meinen Computer anwerfen oder mir sonst irgendwelche Umstände machen, die mir erspart blieben, wenn der Anrufer freundlichst seine Nummer noch mal angesagt hätte, statt das Band mit lauter redundanten Höflichkeitsfloskeln zu quälen. Höflich ist es immer, den anderen das Leben leichter zu machen. Wer wissen will wie, sollte gelegentlich aus dem eigenen Ich herausblinzeln.

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