Kultur : Immer wieder sonntags: Der mit den Raben spielt

Renée Zucker

Von dem Uferweg aus, der am Kanal entlang durch den Tiergarten führt, kann man in den Zoo schauen. Ich schaue nicht gerne hin. Vor allem nicht zu dem kleinen, niedrigen Käfig, in dem zwei große, schöne Raben sitzen. Es ist ein kühler, grauer Freitagmorgen im Dezember. Die Raben werden unruhig, sie hüsteln und schnarren, sie räuspern sich, sie klopfen auf Holz, sie rasseln an Ketten - alles nur mit ihrer Stimme. Raben sollen 64 verschiedene Intonationen beherrschen, die alle eine andere Bedeutung haben. Regional übrigens auch noch unterschiedliche.

Aufgeregt trippeln sie hinter dem Gitter hin und her. Ein älterer Herr im grauen Mantel, grauen Hut und Lederhandschuhen nähert sich dem Käfig. Wahrscheinlich einer jener Berliner, von denen es heißt, sie pflegten eine geradezu "närrische Tierliebe". Dem Kritiker Reich-Ranicki wird eine "närrische Liebe zur Literatur" bescheinigt. Diese Narretei ist in manchen Kreisen weniger verpönt als die Zuneigung zu Tieren. Als Joseph Beuys nach einer seiner spektakulären Aktionen einmal gefragt wurde, ob er keine Angst habe, sich zum Narren zu machen, schaute er erstaunt auf. "Aber wissen Sie denn nicht, dass die Narren die Verbindung zwischen Himmel und Erde sind?", fragte er in leicht rheinischem Tonfall und mit freundlichem Lächeln zurück, verwundert darüber, dass jemand so etwas Einfaches nicht weiß.

Ich vermute, der Mann im Zoo füttert die Raben regelmäßig und deshalb sind sie so aufgeregt, wenn er kommt. Aber dann beobachte ich, wie er leise mit ihnen spricht. Mit schräg geneigtem Kopf lauschen sie ihm. Plötzlich werden sie wieder unruhig, wanken mit schweren Körpern auf dürren Beinen auf und ab und halten lange Reden in ihrer Räusper-Kecker-Klick-Rassel- und Rollsprache. Der Mann wirft etwas von oben durch die Gitterstäbe, einer der Raben fängt es unten auf und reicht es dem Mann von innen durch die Stäbe zurück, der reckt sich wieder weit nach oben und wirft es von außen durch die Gitter in den Käfig, und so geht es hin und her. Zwischendurch erzählen die drei sich alles Mögliche.

Ich bin tief bewegt von dem Mann, der mit den Raben spielt, und trotzdem schießt mir jene Gedichtzeile aus Celans Todesfuge durch den Kopf "er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland" - vielleicht ist das so auf der Erde, zwischen Himmel und Hölle. Man kann von Mozart oder Bach im Innersten getroffen sein und Menschen quälen. Man kann die Schönheit der italienischen Rennaissance-Malerei verehren und Frauen vergewaltigen. Und man kann seinen Hund lieben und sechs Millionen Juden und 500 000 Zigeuner ermorden lassen.

Im Schlosspark eilt jeden Morgen ein alter Mann mit forschem Schritt seines Weges. In der einen Hand schwenkt er eine Aktentasche, mit der anderen umfasst er einen Stock. Seit Jahren will ich wissen, was er in seiner Aktentasche hat. Eines Morgens entdecke ich, dass er es ist, der jeden Morgen die entzückende, kleine Königin Luise-Büste mit Efeuranken, Zweigen oder Blumen schmückt. Vielleicht ist er ein hartherziger Vater und Ehemann. Vielleicht auch nicht.

P.S. Zur Raben-Weiterbildung sei Bernd Heinrich: "Die Seele der Raben" (Fischer TB) empfohlen.

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