Kultur : Immer wieder Sonntags: Für Mutti

Renée Zucker

Es kommt kein Mucks aus Elzies Zimmer. So was von kein Mucks, dass ich mir schon Sorgen mache. Irgendwann kommt sie dann aber doch raus. "Ich habe nachgedacht", sagt sie. "Das finde ich toll", ermuntere ich meine Freundin, "tun nur noch die wenigsten heutzutage. Worüber denn so?" "Zum Beispiel über den Ödipuskomplex und seine Auswirkungen", antwortet Elzie, "das war sehr anstrengend, und jetzt muss ich erst mal was essen." Sinnend steht sie vor dem geöffneten Kühlschrank und lässt ein helles Licht in unsere novemberliche Nachmittagsdämmerungsküche scheinen. Ich sage nichts, weil ich über Ödipus schon sehr, sehr lange nichts Originelles mehr gehört habe.

"Hast du dir eigentlich schon mal über junge Millionäre Gedanken gemacht?", fragt Elzbietta, nachdem sie sich ein Leberwurststüllchen geschmiert hat, was ich gar nicht gerne sehe, weil Leberwurst ab 40 sehr ungesund ist und weil diese hier nur zum Verstecken von Tabletten für den Hund gekauft wurde. "Nö, nie", sage ich deshalb kurz und packe die Leberwurst sofort wieder in den Kühlschrank, und zwar nach ganz hinten, damit Elzie sie vergisst. "Du weißt, ich meine diese Zwanzigjährigen, die an einem Tag Hunderttausend verlieren und den Nachmittag drauf eine Million gewinnen", redet Elzie weiter, während sie mit dem Brotmesser in der Gegend herumfuchtelt. "Über solche Menschen kann ich gar nicht nachdenken", sage ich, "weil ich nichts an ihnen begreife. Ich kenne weder ihre Interessen noch ihre Visionen. Ich verstehe gar nicht, womit sie sich beschäftigen, weiß nicht, worüber sie lachen oder weinen, wovor sie sich fürchten oder wonach sie sich sehnen." "Aber ist das nicht furchtbar interessant?", fragt Elzie, die bei einer erneuten Kühlschrankerforschung unter anderem wieder auf die Leberwurst gestoßen ist und sich eine noch dickere Brotscheibe absäbelt, um sie Homer-Simpson-mäßig mit allem Möglichen unter und über dem Leberwurstgeschmiere herum zu dekorieren.

"Ich glaube, es hat etwas mit ödipalen Trieben zu tun", sagt sie, und schneidet noch eine Scheibe Brot für ganz oben drauf ab, "die Jungs am Neuen Markt wollen den Papis am Alten Markt zeigen, wo der Hammer für Mutti zukünftig hängt. Dass sie nämlich viel schneller und weiter können. Das einzige Problem ist allerdings, dass sie dazu Papis Geld vom Alten Markt brauchen." Elzie sperrt den Mund ganz weit auf, um das Nahrungsmittelgebilde zwischen die Zähne zu kriegen. "Und wo ist Mutti?", frage ich zweifelnd, "ist Mutti der schnöde Mammon, irgendwo zwischen Hunderttausend und einer Million, auf den man sich nach getaner Arbeit draufwerfen möchte?"

"Nein", sagt Elzie vergnügt schmatzend, "das Geld ist natürlich die Potenz. Bei den Alten ist sie sicher, für kaum jemanden sichtbar und manchmal sogar für sie selbst kaum mehr erreichbar verwahrt, die Jungen versprühen sie lauthals und unbedacht in der Gegend. Mutti hingegen ist der Mythos: Anerkennung, Ruhm, Euphorie. Sie lauert krakengleich bewegungslos und still im dunklen Hintergrund." "Jaja", sage ich genervt von Elzies Küchenanalyse, "aber nur, wenn man nicht vergisst, sie immer sonntags anzurufen."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben