Kultur : Immer wieder sonntags: Großstadtspaziergang im Park

Elisabeth Binder

Der unkomplizierteste Weg zur sonntäglichen Muße führt über einen schlichten Spaziergang. Das ist der Klassiker seit Jahrhunderten, auch in den sportlichen Auswüchsen der Freizeitgesellschaft von Bungee Jumping bis Wildwasserfahren blieb er immer konkurrenzlos erholsam. Nun könnte man natürlich einen Wald aufsuchen, aber Wälder sind, Ferien einmal ausgenommen, im Grunde nichts für wirklich urbane Menschen: zu dunkel, zu voller Wildschweine, zu unübersichtlich.

Parks dagegen umarmen den überzeugten Großstadtmenschen geradezu, und Sanssouci ist nicht nur wegen seines sorglosen Namens einer der schönsten. Am Sonntag nachmittag hört man dort viele Sprachen, deutsch nicht mehr als andere. Die Fontäne, die langsam sich drehenden Windmühlenflügel im Hintergrund des Schlosses geben der Atmosphäre eine Anmut, die den Betrachter automatisch aufheitert.

Ein so alter Park kann nicht immer von Menschen ohne Sorgen bevölkert gewesen sein, wie es sich Friedrich der Große bei der Namensgebung vielleicht gewünscht hat. Seitdem er von sehr verschiedenen Bevölkerungsgruppen genutzt werden kann, hat er sicher Sorgen jeglicher Größenordnung gesehen. Tausend kleine, kichernd ausgetauscht von Schulmädchen in ersten Liebesnöten, von Karrieregenossen beim Analysieren innerbetrieblicher Ränkespiele, von leicht verknatschten Ehepaaren mit eigentlich gar nicht so riesigen Geldsorgen. Wer keine Sorgen hat, macht sich welche.

Man muss nur mal hören, wie sich andere um einen herum streiten: Die Teenager mit ihren Rucksäcken, die sich nicht einigen können, ob sie gleich zurück in die Stadt fahren oder erst später. Oder das Paar Mitte dreißig: "Mit Dir kann man nie was unternehmen!", mault die Frau mit dem halblangen Blondhaar den Drei-Tage-Bart-Träger neben sich an. Dabei gehen sie doch gerade schon spazieren. Auch im lichtesten Park kann man sich fühlen wie in einem dunklen Wald, wenn der Mitspaziergänger ungerecht wird.

Andererseits könnte man gerade hier versucht sein, über all die großen Sorgen nachzudenken, die der Park in seinen über 300 Jahren zweifellos auch gehört hat. Es gab ja nie eine Garantie darauf, dass man immer nur mit selbstgemachten Sorgen fertig werden muss, oder mit denen, die das Alltagsleben einem aufbürdet. Allerdings beschäftigt man sich lieber mit kleinen, einfachen Dingen, mag das nun Schwäche oder Tugend sein. Schließlich haben wir schon als Kinder gelernt, dass man bei einer Mathematikarbeit die größten Chancen auf eine gute Zensur hat, wenn man sich zunächst der Lösung der leichten Aufgaben widmet.

Vielleicht ist das die Erklärung für eine Beobachtung, die man an einem Septembersonntag in Sanssouci auch machen kann. Dass bei allen Schatten, die herangewachsen sein mögen, die Menschen trotzdem lächeln. Die Japaner in die Kameras, die Italienerinnen über ihre Freunde, das französische Elternpaar über den kleinen Sohn. Kleine Ablenkungen sind sicher erholsamer als die großen Adrenalinstöße der Abenteuersportarten. Vielleicht ist der Spaziergang deshalb ein Sonntagsklassiker geworden.

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