Kultur : Immer wieder sonntags: Kirchgang in säkularisierten Zeiten

Elisabeth Binder

Manche Menschen finden es voll, wenn sie am Samstag mittag über den Tauentzien gehen, vergeblich versuchen, einen Fuß auf die Erde zu kriegen, und doch immer nur auf den Zehen des nächsten Passanten landen. Dabei ist das Menschengedränge dort nichts gegen das, was man auf sonntagmorgendlichen Kulturveranstaltungen erlebt.

Wählen Sie, was Sie wollen, eine Vernissage, eine szenische Lesung, ein Klavierkonzert - falls Sie die Menschheit in ihrer ganzen Fülle lieben, ist der Sonntagmorgen Ihre Zeit der Ekstase. Und anschließend auf den Flohmarkt an der Straße des 17. Juni. Oder ins Cinema Paris. Ins Museum. Hauptsache nicht zu Hause sein. Es ist ein bisschen so, als habe sich ein Kirchgang-Gen in den Menschen festgesetzt, und in säkularisierten Zeiten muss sich das irgendwie anders die Bahn brechen als beim wöchentlichen Hochamt. Zwar sind die Kirchen derzeit wieder etwas voller, aber es bleiben jede Menge Menschen übrig, für die gilt: Sonntag morgens ist Versammlungszwang.

In der Stadt der Singles bringt das einen Aspekt mit, auf dem die Ratgeberliteratur jahrelang herumgeritten ist. Sonntag morgens machen die Bilder einer Ausstellung die besten Kuppler. Sprich: Wenn man denn einen Partner sucht, dann am besten zu dieser Zeit und an den einschlägigen Orten.

Erstens hat man gleich einen gehobenen Gesprächsstoff, um Eindruck aufeinander zu machen. Zweitens trifft man niveauvolle Intellektgenossen sowieso in Ausstellungen. Und drittens... Alles läuft darauf hinaus, noch den banalsten Vorwand zu lieben, der einen aus dem Haus treibt. Früher habe ich immer gedacht, das müsse an den vergleichsweise schlechten Wohnstandards der Stadt liegen, an Kohleöfen, Flurtoiletten und finsteren Hinterhofaussichten. Aber in den letzten Jahren sind so viele schicke, lichte Luxuswohnungen dazu gekommen, dass es daran eigentlich nicht mehr liegen kann.

Vielleicht sind es mehrere Gründe, die die Menschen vor die Tür jagen. Zum einen der Wunsch, etwas wirklich Nützliches zu tun. Weiterbildung durch Vernissage gilt nun mal als sozial ertragreich, beinhaltet außerdem ein Erlebnis und die Chance, neue Leute kennenzulernen. Außerdem gilt man dann unter Kollegen und Freunden als auf der Höhe seiner Zeit befindlich, und das ist auch was Gutes. Dass Singles der Stille ihrer eigenen Wände entfliehen, um ihren Zustand zu beenden, ist auch verständlich.

Was aber ist mit denen, die unter einer Phobie vor großen Menschenansammlungen leiden? Keine Angst, das ist ganz einfach. Suchen Sie sich einen Job, in dem auch sonntags gearbeitet wird. Davon gibt es immer mehr. Bis Ihnen das gelungen ist, berauschen Sie sich am Samstag abend mit so viel Rotwein oder Lektüre, dass sich der Appetit aufs Frühstück erst spätnachmittags einstellt. Und wenn Sie ernsthaft auf der Suche nach einem netten Date sind: Forsten Sie alte Adressbücher auf lange vernachlässigte Freunde durch. Wo schon ein Grundvertrauen existiert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Haltbarkeitsdatum nach hinten offen ist.

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