Kultur : Immer wieder sonntags: Kugelnkleinerlecken

Erst delirierten wir in the heat of nights and days, und dann klappte es noch nicht mal mehr mit dem Computer. Im Grunde ist doch vollkommen klar, warum Berlin niemals eine Hochwasserkatastrophe erleben könnte. Es liegt nicht nur, wie manche behaupten, am märkischen Sandboden, der trocken und dankbar alles aufsaugt, was an Nass herunterkommt. Es liegt vor allem daran, dass der Berliner als Gesamtmasse unfähig ist, mit natürlichen Phänomen umzugehen. Von Katastrophen ganz zu schweigen. Krieg und Nachkriegszeit okay, das schaffen wir locker. Aber bitte keine Natur.

Man kann es schon am Straßenverkehr erkennen, wenn es mal regnet: Da ist ein dilletantisches Rumgeirre, als habe niemand einen Scheibenwischer. Dabei werden doch mittlerweile die Autos nur noch auf ihren Spaßfaktor hin gebaut, alles andere ist sowieso selbstverständlich. Also, drei Tage und Nächte hintereinander schönes Wetter, schon ist überall nur noch tatütata. Und wenn dann noch ein Gewitter dazu kommt, dann ist alles aus - auch die Verbindung zur Welt. Neulich hörte ich, dass eine Frau komplett ausgeflippt ist, weil sie ihr Handy verloren hatte. Hochmütig habe ich gleich behauptet, das würde mir gar nichts ausmachen - aber als der Computer mich neulich nach einem Gewitter nicht mehr ins Netz ließ, da hab ich mich anschließend die halbe Nacht schlaflos im Bett gewälzt. Als ob die E-Mails schlecht würden, wenn man sie nicht wenigstens dreimal täglich abruft.

Bei Regen, um noch mal auf die Natur zurückzukommen, bricht also in Berlin alles zusammen. Nach drei Tagen Sonnenschein hingegen gleiten die Einwohner unmerklich in einen friedlich somnambulen, wenn nicht gar freundlich retardierten Gemütszustand. So hektisch und unfreundlich sie auch im Normalzustand sein mögen, im überdurchschnittlichen Sonnenschein bricht selbst bei dieser sonst chronisch ungenießbaren Art der kleine Lebemann und die kleine Lebefrau durch. Es sei denn, sie sitzen im Auto, dann tritt der gegenteilige Albtraumeffekt mit Amok-Tendenzen ein! Aber ohne Auto sitzen sie, als gäbs kein Morgen in den Eisdielen und sind einfach auf seltsam anarchistische Weise glücklich beim Kugelnkleinerlecken oder Sahnehineinschaufeln. Ob in Neukölln oder Westend: beim Eisessen haben alle den gleichen konzentrierten, nach innen gekehrt seligen Gesichtsausdruck.

Der Unterschied zwischen diesen leicht Verrückten in Neukölln und Westend ist natürlich die sichtbare Ab- bzw. Anwesenheit von materiellen Sorgen (die seelischen lassen wir jetzt mal außen vor) und die erstaunlichste Erkenntnis: beides hat durchaus seine prickelnden Reize. In beiden Millieus liegt etwas aufregend Unberechenbares in der Luft. Vielleicht kriegt man bei denen mit materiellen Sorgen schneller eine aufs Maul, aber verbürgen würd ich mich für den puren Pazifismus derjeneigen ohne materielle Sorgen auch nicht!

Und jetzt haben wir doch tatsächlich schon wieder nicht über den Vegetarismus gesprochen. "Macht nichts", tröstet Guru Henryk, "wirklich wichtig ist nur, dass alle Spaß beim Essen haben, denn wie heißt es schon so schön im Talmud: Du sollst erfreuen an deinem Feste."

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